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Sorialdemokratifgie
Zukunftsbilder.
Frei nach Bebel.
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Eugen Richter,
Mitglied des Reichstages.
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Freis 50 Pfennig.
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Berlin, November 1898,
Verlag „Kortfritt“, Akliengeſellſchaft.
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1. Die Siegesfeier. re 1
2. Die neuen Geſet zee —UUUU 2
3 Unzufriedene Leue — 2 83
4. Berufswahl „„ . 4
5. Eine Reichstagsſißzunn g. 4
6. Arbeitsanweiſunn g een 8
7. Nachrichten vom Landen
8. Der letzte Familientgagg nen 10
Der große Umzug... oo nn 12
10. Neues Ged. ‚· J . 3
11. Die neue Häuslichk ett ‚(H 6 96 9 en NJ 14
12. Die neuen Staatskücheenssss EB 16
13. Ein ärgerlicher Zwilhenfal . . 2 0 0 Cr en 15
14. Miniſterkriſ is. ren .19
15 Auswanderunn ggg . . . 20
16 Kanzlerwechſeõ lll 21
17. Aus den Werkſtätten ‚JH G([(t—ͥᷣ[ V 22
18. Samilienforgen ꝗͤ— UU „ „ „ „ „ 23
19. Volksbeluſtigungen ꝓ—— —— . 24
20. Ueble Erfahrungnnemnm 26
21. Die Flucht ‚JJ— nne ‚• 9 2 99 5 en 27
22. Wiederum Kanzlerwechſe lll nen 29
23. Auswärtige Verwicklungen „ 30
24. Wahlbewegunn ggg . . 339
25. Trauer kunde C/ · ͤ— 33
26. Das Wahlergebnis 3⁴
27. Ein großes Defizit — TTT 35
28. Samiliennahrihten . > 2222er. rn rn 36
29. Eine ſtürmiſche Reichstagsſitzung ‚·ꝗ JJ 38
30. Strike in Sidi... e jͤ GJ a SEE 44
31. Drohnoten des Auslandeee ss B— 44
32. Maſſenſtrike und Kriegsausbruch zugleicgcge—ũ 45
33. Die Gegenrevolutirn begiunktt ern Er |
34. Unheilvolle Nachrichten ‚ͤIW22777 7777777 99 . . . .47
35. Letztes Kapitel ... Le. „ „ „ „ „ „„ „254 2» * „„ „ „„ „4 „44„ . 648
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1. Die Sieges feiert.
Die rote Fahne der internationalen Sozialdemokratie weht vom Königs-
loß und allen öffentlichen Gebäuden Berlins. Wenn ſolches unſer verewigter
ebel noch erlebt hätte! Hat er uns doch immer vorausgeſagt, daß die „Kataſtrophe
ſchon vor der Thür ſteht.“ Noch erinnere ich mich, als ob es geſtern geweſen
wäre, wie Bebel am 13. September 1891 in einer Verſammlung aba Rixdorf in
propbetiichem Tone ausrief, daß „eines Tages der große Kladderadatſch ſchneller
mmen werde, als man es ſich träumen laſſe.“ Friedrich Engels hatte kurz
vorher das Jahr 1898 als dasjenige des Triumphs der Sozialdemokratie be
zeichnet. Nun, ein wenig länger hat es doch noch gedauert.
Aber gleichviel, unſere angjährigen Mühen und Kämpfe für die gerechte
Sache des arbeitenden Volkes ſind nunmehr durch den Erfolg gekrönt worden.
Die morſche Geſellſchaftsordnung des Kapitalismus und des beuterſyſtems
6 uſammenges schen. Meine Aufzeichnungen ſollen, fo gut ich es vermag, die
1 es neuen Reiches der Brüderlichkeit unb der allgemeinen Menſchen⸗
liebe für meine Kinder und Kindeskinder beſchreiben.
Auch ich habe meinen Anteil an der Wiedergeburt der Menſchheit. Was
ich während eines Menſchenalters an Zeit und Geld als rechtſchaffener Buch⸗
bindermeiſter erübrigen konnte und nicht für meine Familie bedurfte, habe ich der
Förderung unſerer Beſtrebungen gewidmet. Der ozialdemokratiſchen Litteratur
und unſeren Vereinen verdan ı die Feſtigkeit in unſeren Grundſätzen und die
unsere Veen vond; Frau und Kinder ſind mit mir eines Sinnes. Das
unſeres Bebel von der Fenn iſt längft das Evangelium meiner Paula geweſen.
Der Geburtstag der ſozialdemokratiſchen Geſellſchaft war unſer ſilberner
Hochzeitstag. Der heutige Siegestag hat gi neuem Familienglück den Grund
elegt. Mein Franz bet ſich mit Agnes Müller verlobt. Die beiden kannten
ch ſchon lange und lieben ſich herzinnig. * der gehobenen Stimmung des
heutigen Tages wurde der neue Bund geſchlo en. Beide ſind zwar noch etwas
jung, aber tüchtige Arbeiter in ihrem ach Er iſt Setzer, ſie Putzmacherin; da
wird es hoffentlich nicht fehlen. Sobald die neue Ordnung in den Arbeits- und
Wohnungsverhältniſſen eingetreten iſt, wollen ſie heiraten
Wir alle wanderten nach Tiſch hinaus „Unter die Linden“. War das dort
ein Menſchengewühl, ein Jubel ohne Ende. Kein Mißton ſtörte die Feier des
großen Siegestages. Die Schutzmannſchaft iſt aufgelöit. Das Volk hält ſelbſt
ie Ordnung in muſterhafter Weiſe aufrecht.
Im Luſtgarten, auf dem Schloßplatz, an der früheren Schloßfreiheit ſtand
uud glos die Menſchenmenge feſt wie eine Mauer. Die neue Regierung war
im Schloß verſammelt. Die Genoſſen von der bisherigen Parteileitung der
Sozialdemokraten haben proviſoriſch die Zügel der Regierung ergriffen. Unſere
ſozialdemokratiſchen Stadtverordneten bilden bis auf weiteres das Magiſtrats⸗
ko Legium der Stadt. Sobald ſich einer der neuen Regenten am Fenſter oder
auf dem Balkon des Schloſſes zeigte, brach der Jubel des Volkes immer aufs
neue los: Hüteſchwenken, Wehen mit den Tüchern, Geſang der Arbeitermarſeillaiſe
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Abends prachtvolle Illumination. Die Statuen der alten Könige und
De nerven nahmen ſich, mit rothen Fahnen geſchmückt, in der rothen bengaliſchen
eleuchtung ſeltſam genug aus. Sie werden nicht mehr lange auf ihrem Plat
bleiben, ſondern den Statuen der verſtorbenen Geiſtesheroen der Sozialdemokratie
weichen müſſen. Es ſoll ſchon beſchloſſen ſein, vor der Univerſität an Stelle der
Statuen der beiden Gebrüder v. Humboldt die Statuen von Marx und Ferdinand
La ſſalle aufzuricher. Das Denkmal Friedrichs des Großen Unter den Linden
wird durch die Statue unſeres verewigten Liebknecht erſetzt werden.
u trautem Familienkreiſe feierten wir noch zu ſe bis in die ſpäte
Nacht den für uns doppelt feſtlichen Tag. Auch der Vater meiner Frau, unſer
Hausgenoſſe, welcher bisher von der Sozialdemokratie nicht viel wiſſen wollte,
war ſehr anteilvoll und aufgeräumt.
Bald hoffen wir, unſere beſcheidene Wohnung, drei Treppen 808, verlaffen
u können. Von mancher ſtillen Freude, aber 1 0 von mancher Sorge, vielem
mer und harter Arbeit ſind die alten Räume im Laufe der Jahre Zeuge geweſen.
2. Die neuen Geſetze.
Sehr ergötzlich find die Erzählungen, wie die Bourgeois zu tauſenden Über
die Grenze drängen, um auszuwandern. Wo können ſie hin? Ueberall in
Di O ausgenommen die Schweiz und England, herrſcht jetzt die Sozialdemokratie.
Die Schiffe nach Amerika vermögen nicht alle Auswanderer aufzunehmen. In
Amerika freilich iſt die Revolution niedergeſchlagen worden und auf lange Zeit
inaus keine Ausſicht auf Wiedererhebung der Sozialdemokratie. Mögen die
usbeuter immerhin von dannen ziehen! Von ihrem Eigenthum haben ſie
ben cum nicht viel mitnehmen können, Dank der Plötzlichkeit, mit welcher
er Umſchwung erfolgt if. Alle Staatspapiere, Pfandbriefe, Aktien, Schuld⸗
obligationen und Banknoten ſind Ech null und nichtig erklärt worden. Die Herren
Bourgeois können ſich damit chin iffskabinen tapezieren laſſen. Auf alle Immo⸗
bilien, Verkehrsmittel, Maſchinen, Werkzeuge und Geräte wurde den ſozi⸗
aliſtiſchen Staat Beichlag gelegt. Ä
Unſer bisheriges leitendes Parteiorgan, der „Vorwärts“, ift an die Stelle
des „Reichsanzeigers“ getreten. Das Blatt wird in jeder a nd. unentgeltlich
ugeſtellt. Da alle Druckereien Staatseigenthum geworden ind, ſo haben die
brigen Zeitungen zu erſcheinen aufgehört. Außerhalb Berlins erſcheint der
orwärts“ durch eine Lokalbeilage für den betreffenden Ort vervollſtändigt.
is zum Qulammentrit eines neu zu wählenden Reichstags haben die bisherigen
ſozialdemokratiſchen Rei etageabgrortneten als geſetzgebender Ausſchuß die
Geſetze zu beſchließen, welche zur Durchführung der neuen Ordnung in großer
Anzahl notwendig ſind. .
Das bisherige Parteiprogramm, wie es 1891 von dem Erfurter Parteitage
beſchloſſen wurde, iſt als pro ie Grundrecht des Volkes proklamirt worden.
Damit iſt die Umwandlung aller Arbeitsmittel, von Grund und Boden, der
Bergwerke, Gruben, Maſchinen und Werkzeuge, Verkehrsmittel in Eigentum des
Stautes oder, wie man es 11 nennt, der Geſellſchaft geſetzlich proklamirt.
Ein weiteres Geſetz dekretirte allgemeine Arbeitspflicht mit gleichem Recht für alle
erſonen, männlich oder weiblich, vom vollendeten 21. bis 65. Lebensjahre.
üngere Perſonen werden auf Staatskoſten erzogen, ältere auf Staatskoſten
derpflegt. Die Privatproduktion hat aufgehört. Jas ſoll bis der Regulirung
der neuen ſozialiſtiſchen Produktion Jeder an der bisherigen Stelle auf Staats⸗
rechnung fortarbeiten. Ueber dasjenige, was dem Einzelnen nach obiger leben ift
nahme fur den Staat noch als Privateigentum bis auf Weiteres verblieben iſt,
Hausgerät, gebrauchte Kleider, Münzen, Reichskaſſenſcheine iſt von Jedermann
ein Inventar einzureichen. Goldmünzen find abzuliefern. Neue Goldeertifikate
ſollen demnächſt ausgegeben werden.
ww 8 —
Die neue Regierung verfährt Dank dem ſchneidigen Reichskanzler an ihrer
Spitze ebenſo energie), wie zielbewußt. Alles ſoll von vornherein unmöglich
emacht werden, wodurch die Kapitalsherrſchaft ſich wieder Eingang verſcha
önnte. Das Militär iſt entlaſſen, Steuern werden nicht mehr erhoben, da
Regierung dasjenige, was ſie für allgemeine Zwecke bedarf, aus dem Ertrag der
ſozialiſtiſchen Produktion vorwegnimmt. Aerzte und Rechtsanwälte werden vom
Staat unterhalten und haben ihre Dienſte dem Publikum unentgeltlich zu widmen.
Die drei Tage der Revolution und der Siegesfeier find für geſetzliche Feiertage
erklärt worden. — Wir gehen einer neuen herrlichen Zeit entgegen.
3. Anzufriedene Leute.
Agnes, unſere Schwiegertochter, tft untröſtlich, und auch Franz überaus
niedergeſchlagen. Agnes fürchtet, um ihre Ausſteuer zu kommen. eit langer
eit hat Agnes durch Arbeit für Putzgeſchäfte für ihre Ausſteuer 15 Pi ge
ucht. Insbeſondere feit ihrer Bekanntſchaft mit Brent iſt ſie in ſtiller Hoffnungs⸗
eudigkeit von morgens bis abends unausgeſetzt thätig geweſen. Kaum zur
ſſenszeit gönnte ſie ſich Ruhe. Was ihre Freundinnen für eigenen Putz, für
Ausflüge und Vergnügungen berauägabten, arte fie zur Vermehrung ihres
Kapitälchens. So hatte fie denn bei ihrer Verlobung ſchon Sparkaſſenbücher
über 2000 Mk. im Beſitz. Mein Franz erzählte alles dies am Abend des
Verlobungstages mit Stolz und n Guthaben Die jungen Leute begannen
ſchon zu überlegen, was fie aus dem Guthaben zuerſt anſchaffen wollten.
Nun ſoll alle Mühe und aller Fleiß vergeblich geweſen ſein. Als Agnes,
durch allerlei Gerüchte beunruhigt, ihre Einlage auf dem Sparkaſſenbureau in
der Klofterftraße kündigen wollte, fang ſie auf der Straße erregte Gruppen.
Alte Männer, Frauen, frühere Dienſtmädchen jammerten, daß ſie um ihre Not⸗
groſchen gekommen ſeien. Der Beamte habe erklärt, daß durch das neue Geſetz
mit anderen Werthpapieren und Schuldobligationen auch die Sparkaſſenbu
für null und nichtig erklärt worden ſeien. |
Ates Ni wie ſie erzählte, vor Schreck faſt in Ohnmacht. Im Bureau
ihr der Beamte alsdann das Unglaubliche beſtätigt. Auf dem Wege zu uns
örte ſie, daß Deputationen von Sparkaſſengläubigern vor das Schloß zum
eichskanzler gezogen ſeien. Auch ich machte mich ſogleich dahin auf, Franz
ging mit.
Eine große Menſchenmenge war auf dem Schloßplatz verſammelt. Auch
über die Laſſallebrücke, Jeiher Kaiſer Wilhelmbrücke, ſtrömten belle der ort⸗
während nach dem Luſtgarten zu. Die Sparkaſſenfrage erregte alle Gemüter.
Die Thore zu den Schlochöfen waren überall feſt verſchloſſen. Von den vorderen
Trupps wurden vergebliche Verſuche gemacht, gewaltſam einzudringen. Durch
Schießſcharten in einigen Thorflügeln, welche ich früher nie bemerkt, ſtarrten
plötzlich Flintenläufe der Schloßbeamten entgegen.
Wer weiß, was noch alles ſich ereignet hätte, wenn nicht der Reichskanzler
in dieſem Augenblick auf dem Balkon des Mittelportals am Luſtgarten erſchienen
wäre und Ruhe geboten hätte. Mit weithin ſchallender Stimme verkündigte er,
die Sparkaſſenfrage ſolle ſofort dem geſetzgebenden Ausſchuß zur Entſcheidung
unterbreitet werden. Alle guten Patrioten und braven Sozialdemokraten ſollten
der Gerechtigkeit und Weisheit der Volksvertreter vertrauen. Ein ſtürmiſches
Hoch dankte unſerm Reichskanzler.
In dieſem Augenblick rückte von verſchiedenen Seiten in raſendem Galopy
die Feuerwehr an. In Ermangelung von Polizei hatte man aus dem Schloß,
als die Menge gegen die Thore drängte, Großfeuer telegraphirt. Gelächter
empfing die brave Feuerwehr. So zerteilte fi denn die Menge in heiterer hoßß⸗
aungsfreudiger Stimmung. Möge man im Reichstage das Richtige tzefien.
— 4
4. Berufswahl.
Große rote Plakate an den Anſchlagſäulen, wie ehedem bei Aushebungen
und Kontrollverſammlungen des Militärs. Dichte Gruppen ſtehen davor. Nach
Maßgabe des neuen Geſetzes fordert der Magiſtrat im Auftrage der Staats⸗
regierung alle Perſonen, männlich oder weiblich, im Alter von 21—65 Jahren
zur Berufswahl auf binnen 3 Tagen. Auf allen ehemaligen Polizeiburchus und
und Standesämtern werden Erklärungen entgegengenommen. Frauen und Mäd-
chen wird ausdrücklich in Erinnerung gebracht, daß fie vom Tage des Arbeits⸗
antritts in den Staatswerkſtätten, welcher noch näher bekannt gemacht werden
würde, in der eigenen Häuslichkeit befreit ſind vom Kinderwarten, von Bereitung
der Mahlzeiten ankenpflege und Wäſche. Alle Kinder werden in Kinderpflege⸗
anſtalten und Erziehungshäu ern des Staates en dle kr Die Daphne
iſt in den Staatsküchen des Bezirks einzunehmen. Alle Erkrankten find an die
Iffentlichen Krankenanſtalten abzuliefern, die Leib⸗ und Bettwäſche wird zur
einigung in großen Centralanſtalten abgeholt. Die Arbeitszeit iſt in allen
Berufsarten für alle Männer und Frauen in den Staatswerkſtätten und bei
onſtigen öffentlichen Dienſtleiſtungen die gleiche und beträgt bis zur anderweitigen
eitjeung 8 Stunden täglich. .
eber die Befähigung zu der gewählten Arbeit find Beſcheinigungen beizu-
bringen, die bisherige erufsarbeit iſt auf den Meldungen anzugeben. eldungen
u dem Beruf als Geiſtlicher werden nicht angenommen, da laut Beſchluß des
rter Parteitages vom Jahre 1891, welcher in das tan gema über ·
gegangen iſt, alle Aufwendungen zu religiöſen und kirchlichen Zwecken aus Staats-
mitteln verboten find. Denjenigen Perſonen, welche ſich trotzdem dem geiſtlichen
Beruf widmen wollen, bleibt es freigeſtellt, dies in ihren Mußeſtunden zu thun
nach Erfüllung der normalen Arbeitszeit in einem ſtaatsſeitig anerkannten Berufe.
Das Leben auf den Straßen glich nach Bekanntwerden dieſer Aufforderung
demjenigen an den Muſterungstagen in einer Kreisſtadt. Die Perſonen gleicher
vwüflten thaten ſich truppweiſe Aulammen und durchzogen, mit decke des
ewählten Berufs geſchmückt, ſingend und jubelnd die Stadt. Frauen und Mäd⸗
en ſtehen umher und malen ſich die Annehmlichkeiten des gewählten Berufs
nach Befreiung von der Hausarbeit in lebhaften Farben aus. Man hört, daß
lag bie Perſonen einen neuen Beruf gewählt haben. Manche ſcheinen zu glauben,
den pie Wahl des Berufes ſchon gleichbedeutend ſei mit der Einſtellung tr.
elben.
Ich, mein Sohn Franz, meine Schwiegertochter Agnes, wir alle werder
dem bisherigen Beruf, den wir lieb gewonnen, treu bleiben und haben dies auck
ärt. Meine Frau hat ſich als Kinderpflegerin gemelbet. Sie will als ſolche
ihrer vierjährigen Jüngſten, Annie, welche wir an die Kinderpflegeanſtalt werden
abliefern müſſen, auch fernerhin ihre mütterliche Sorgfalt angedeihen laſſen. —
N Nach dem Straßenkrawall vor dem Schloß hat das Ministerium beſchloſſen,
eine Schutzmannſchaft in einer Stärke von 4000 Köpfen wieder einzurichten un
dieſelbe teilweiſe im Zeug hauſe und der anſchließenden Kaſerne zu ſtationiren.
Um frühere unliebſame Erinnerungen zu vermeiden, werden die neuen Schutz⸗
männer keine blauen, ſondern braune Uniformen und ſtatt des Helms einen
Schlapphut mit einer roten Feder tragen.
5. Eine Neichstagsſttzung. |
Mit großer Mühe erlangten Franz und ich heute Einlaß zur Tribüne im
Reichtagsgebäude am Bebelplatz, fene önigsplatz. Es ſollte die Entſcheidung
über die Spartajjengelbe: getroffen werden. In Berlin giebt es, wie Franz
wiſſen will, jetzt bei 2 Millionen Einwohnern nicht weniger als 500 000 Spar-
kaſſengläubiger. Kein Wunder, daß die ganze Umgebung des Reichstags, der
Bebelplatz, die Sommerſtraße, von einer großen Menge von Perſonen, zumeiſt in
ärmlicher Kleidung, bedeckt war, welche dem Ergebnis der Reichstagsverhandlungen
mit cast unt entgegeniab. 8505 war ſchon bei unſerer ft die Schuß
mannſchaft mit der Räumung der Straßen beichäftigt.
Ä Da allgemeine Wahlen für den Reichstag noch nicht ftattfinden können
und die Mandate aller Mitglieder der Bourgeoisparteien für erloſchen erklärt
worden ſind, ſo 1 5 wir nur unſere alten Genoſſen und erprobten Vorkämpfer
unten im Sitzungsſaale verſammelt. N
Der Chef des ſtatiſtiſchen Neichsamts leitete im Auftrage des Reichskanzlers
die Verhandlungen ein durch einen ſtattſtiſchen Vortrag über die thatſächliche weg gin der
vorliegenden Frage. Allein bei den öffentlichen Sparkaſſen Deutſchlands waren 8 Millionen
Guthaben vorhanden über Einlagen im Betrage von mehr als 5 Milliarden Mark. (Hört!
gt! links.) Der jährliche Zinsbetrag überſtieg 150 Millionen Mark Die Einlagen in den
parkaſſen waren angelegt mit ungefähr 2800 Millionen Mk. in Hypotheken, mit 1700
Millionen Mk. in Inhaberpapieren, mit 400 Millionen Mk. bei öffentlichen Inſtituten und
Corporationen und mit 100 Millionen Mk. gegen Fauſtpfand. Die Inhaberpaptere find
überall durch Geſetz annullirt worden. (Sehr gut! links.) Die Hypothekenſchulden find mit
dem Uebergang alles Grundbeſitzes auf den Staat erloſchen. Ebenſo find die auf Fauſtpfand
ausgeliehenen Gelder mit der unentgeltlichen Rückgabe der Pfänder in den öffentlichen Leih⸗
anſtalten auch zum Nutzen des Volkes verwendet worden. (Beifall links.) Mittel Aus⸗
gehlung der Sparkaſſeneinlagen find ſomit in keiner Weile vorhanden. Eine Vergütung an
ie Einleger kann erfolgen in Form der Ausgabe von Bons, welche zu einer Entnahme aus
den Waarenvorräten des Staates berechtigen.
Nach dieſem Vortrag ergriff ein Redner von der rechten Seite das Wort.
Millionen braver Arbeiter und guter Sozialdemokraten (Unruhe links) werden ſich bitter
enttäuſcht fühlen, wenn ſie jetzt, wo dem Arbeiter der „volle Ertrag ſeiner Arbeit“ zu Teil
werden ſoll, ſich um die Früchte harter Arbeit durch Vorenthaltung ihrer Sparkaſſengelder
ebracht ſehen. Was hat die Erſparniſſe ermöglicht? Angeſtrengter Fleiß, Sparſamkeit,
Enthaltung von manchem Genuß, z. B. in Tabak und Spirituoſen, den ſich andere Arbeiter
erlaubten. (Unruhe links.) Mancher hat geglaubt, ſich durch die Hinterlegung in der
Sparkaſſe einen Notgroſchen für außerordentliche Unglücksfälle, eine Erleichterung für ſein
Alter verſchaffen zu können. Die Gleichſtellung mit denjenigen, welche nichts vor ſich ge⸗
bracht, wird als Unrecht von Millionen empfunden (Beiſall rechts und ſtürmiſche Zurufe von
den Tribünen).
Der Präſident droht die Tribünen räumen zu laſſen. (Zurufe: Wir find das Volk!)
Präſident: Dem Volk tft ein durch allgemeine Abſtimmung geordnete Verwerfungs⸗
recht zu Geſetzen gegeben, aber kein Recht zur Teilnahme an der Diskuſſion im Reichstag.
(Lebhafter allgemeiner Beifall). Die Ruheſtörer werden hinausgeführt.
Ein Redner von der linken Seite des Reichstags erhält das Wort. Ein richtiger
Sozialdemokrat iſt niemals auf Spargroſchen bedacht geweſen. (Widerſpruch rechts.) Wer
den Sparapofteln der Bourgeois gefolgt iſt, hat auf keine Rückſichtnahme im ſozialen Staat
zu rechnen. Auch manches Sparkaſſengeld iſt durch Beraubung des arbeitenden Volkes
entſtanden. ( derſpruch rechts.) Man ſoll nicht jagen, die Sozialdemokratie hängt zwar
die großen Diebe. läßt aber Millionen kleiner Diebe laufen. Die Sparkaſſenkapitallen find
in ihren verſchtedenen Anlagen mit ſchuldig geweſen an der Aufrechterhaltung des Aus
beutungsſyſtems gegen das Volk (Lebhafter Beifall links). Nur ein Bourgeois kann gegen
die Einziehung der Sparkaſſengelder Widerſpruch erheben.
Der äſident ruft den Redner zur Ordnung wegen der ſchweren Beleidigung,
dags in ſich re als Bourgrois gegen ein Diitglieb des ſozialdemokratiſchen Reichs⸗
tag eßt.
Unter großer Spannung erhebt ſich dann der Neichskanzler von ſeinem Sitz: Ich
muß beiden verehrten Vorrednern bis zu einem gewiſſen Grade Recht geben. Es iſt manches
richtig von dem, was geſagt worden iſt über die moraliſche Entſtehung der Sparkaſſengelder
und auch über die unmoraliſche Wirkung derdelben inter der Geltung der Kapitalsherrſchaft.
Aber laſſen wir durch rückwärts geriätete Betrachtungen nicht unſern Blick abziehen von der
großen Zeit, in der wir leben. (Sehr gut!) Wir müſſen die Frage ohne Sentimentalität als
nelbewußte Sozialdemokraten entſcheiden. — Fünf Milliarden wieder en abe Ulele an
einen Bcuchtheil der Bevölkerung von 8 Millionen Perſonen, heißt die neue ſo ziale Gleichheit
a 6 — —
aufbauen auf einer Ungleichheit (Beifall). Dieſe Ungleichheit würde ſich alsbald in allen Kom
ſumtionsverhältniſſen fühlbar machen und die künftige pionmäßige Organiſation der Produktion
und Konſumtion durchdrechen. Mu demſelben Recht wie heute die Sparkaſſengläubiger, könnten
dann morgen auch diejenigen ihr Kapital zurück verlangen, welche zufällig ihre Erſparniſſe
nicht in der Sparkaſſe, ſondern in Werkzeugen, Vorräten ihres Berufs, in Arbeitsmitteln oder
Srundbeſitz angelegt haben. (Sehr richtig!) Wo bleibt denn zuletzt eine feſte Grenze für die
Reaktion gegen die beſtehende ſozialdemokratiſche Ordnung? Was immerhin die Sparer ſich
von den Früchten des Fleißes und der Enthaltſamkeit verſprochen haben mögen, zehnfach und
hundertſach wird ſolches jetzt allen zu Teil werden durch die Abe wen Einrichtungen, welche
wir zum Wohl der Arbeiter im Begriff ſtehen zu ſchaffen. Aber wenn Sie dieſe Milliarden
uns jetzt entziehen und um dieſen Betrag das Kapital ſchwächen, welches jetzt zum Wohl der
Allgemeinheit arbeiten ſoll, ſo ſind meine Kollegen im Miniſterium und ich nicht länger in
ber Lage. die Verantwortung für die Durchführung einer zielbewußten Sozialdemokratie zu
übernehmen. (Stürmiſcher Beifall).
Es war noch eine große Anzahl Redner zum Worte gemeldet. Der Präſident
aber machte darauf aufmerkſam, daß in Anbetracht der voraufgegangenen a
gungen und der Zeit, welche jedem Abgeordneten für die Lektüre der Drucjachen
zugebilligt iſt, der ach ſtundige Maximalarbeitstag abgelaufen ſei und
eine Fortſetzung der Sitzung deshalb erſt am andern Tag ſtattfinden könne.
(Rufe: Zur Abſtimmung! Zur Abſtimmung!) Ein Ainteog auf Schluß der
Diskuſſion wird eingebracht und angenommen. Bei der Abſtimmung geht der
Reichstag über die Petitionen auf Herausgabe der Sparkaſſengelder gegen wenige
Stimmen zur einfachen Tagesordnung über. Die Siam iſt geſchloſſen.
Unwillige Rufe wurden belſich auf den Tribünen laut und pflanzten ſich
auf die Straße fort. Doch hatte die Schutzmannſchaft die ganze Umgebung des
Reichstagsgebäudes geräumt. Eine Anzahl tumultuirender 95 onen wurden ver.
ftet, namentlich viele Frauen. In größerer Entfernung vom Reichstagsgebäude
ollen einzelne Abgeordnete, welche gegen die Herausgabe der Sparka
geſtimmt hatten, gröblich inſultirt worden ſein. Die Schutzmannſchaft hat, wie
erzählt wird, vielfach von ihren neuen Waffen |ogenannten Totſchlägern, welche
nach engtülhem Muſter eingeführt worden find, gegen das Publikum unbarm⸗
S. ig Gebrauch gemacht. Zu Hauſe bei uns gab es ſehr erregte Scenen, meine
wiegertochter ließ ſich gar nicht breiche dl vergebens ſuchte meine Frau ſie
u tröſten unter dem Hinweis auf die reiche Ausſtattung, welche alle Brautpaare
nächſt von der Regierung zu erwarten hätten. „Ich will nichts geſchenkt
ben“, rief ſie ein über das andere Mal heftig aus, „ich will den Ertrag meiner
rbeit. Eine ſolche Zucht iſt ja ſchlimmer als Raub und Diebſtahl.“
33 fegen das heutige Erlebnis iſt nicht geeignet, meine Schwiegertochter
in der Feſtigkeit ihrer ſozialdemokratiſchen Grundſätze zu beſtärken. Auch mein
Schwiegervater hat ein Sparkaſſenbuch. Wir wagen es nicht, dem alten Manne
u ſagen, daß dasſelbe wertlos geworden it iſt kein Gabal Aber noch
ieſer Tage erzählte er, daß er Ju und Zinſeszins auflaufen laſſe. Wir ſollten
bei ſeinem Tode ſeine Dankbarkeit erfahren für die Tha welche wir ihm bei
uns haben angedeihen laſſen. Man muß in der That ſo feſt wie ich in den
ſozialdemokratiſchen Anſchauungen geworden fein, um ſolche Verluſte heiteren Mutes
verſchmerzen zu können. =
6. Arbeitsanweilung.
Die Heirat zwiſchen Franz und Agnes iſt plötzlich in weite e gerückt.
eute verteilte die Schutzmannſchaft die Geſtellungsordres zur Arbeit auf Grund
Aattgehabten Berufswahl und des von der Regierung für die Produktion und
Konſumtion im Lande aufgeſtellten Organiſationsplans.
Franz iſt allerdings als Setzer beordert, aber nicht in Berlin, ſondern in
Leipzig, Berlin bedarf jetzt nicht mehr den zwanzigſten an Zeitungsſetzern
wie früher. Beim „Vorwärts“ werden nur ganz zuverläſſige Sozialdemokraten
7
eſtellt. Franz aber iſt wegen Aeußerungen auf dem Schloßplatz über die
kelbige Sparkaſſenangelegenheit irgendwo in Mißkredit gebracht worben. Die
Politik, ſo argwöhnte Franz, hat wohl auch ſonſt bei der Arbeitszuteilung mit⸗
geſpielt. Die Partei der „Jungen“ in Berlin iſt vollſtändig auseinandergeſprengt
worden. Ein Genoſſe mu Tapezierer ert nowrazlaw, weil dort an
Zapegievern Mangel ſein ſoll und hier ein Ueberfluß beſteht. Franz meinte un»
willig, das alte Sozialiſtengeſetz mit ſeinen uöweilungen jei dergeſtalt in neuer
Form wieder lebendig geworden. Man muß eben dem Bräutigam, der plötzlich
auf te 870 von der Braut getrennt wird, manches zu Gute halten.
Ich ſuchte Franz damit zu tröſten, daß im Nachbarhauſe ſogar ein Ehepaar
etrennt worden ſei. Die Frau kommt als Krankenpflegerin nach Oppeln, der
ann als Buchhalter nach Magdeburg. Wie darf man denn Eheleute trennen
das Hi ja die reine Niedertracht, jo rief Paula. Meine gute Alte vergaß, da
die Ehe in unſerer neuen Ge ellſchaft ein reines Privatverhältnis iſt, wie doch
ſchon Bebel in ſeinem Buch von der Frau dargethan hat. Die Ehe kann jeder⸗
zeit ohne Dazwiſchentreten irgend eines Beamten geſchloſſen und wiederum gelöſt
werden. Die Regierung iſt alſo gar nicht in der Lage, zu wiſſen, wer alles noch
verheiratet iſt. x dem Namensregiſter wird daher ganz folgerichtig Jedermann
nur mit ſeinem Geburtsnamen und zwar mit dem Familiennamen ſeiner Mutter
Dugana Das Zuſammenwohnen der Eheleute kann ſich bei einer planmäßigen
Organiſation der Produktion und Konſumtion nur nach den Arbeitsplätzen richten,
nicht umgekehrt, denn die Organisation der Arbeit kann doch nicht auf jederzeit
kündbare Privatverhältniſſe Rückſicht nehmen.
Indeß auch im früheren Beamtenſtaate, ſo meinte meine Frau, hat man
doch oft aus perſönlichen Gründen unliebſame Verſetzungen höheren Orts wieder
rückgängig gemacht. — Das iſt richtig. Und ſo begab ich mich denn nach dem
Rathaus. Ich erinnerte mich, daß ein alter Freund und Genoſſe, mit dem ich zu⸗
jemmen unter dem Sozialiſtengeſetz in Plötzenſee bekannt wurde, in der Gewerbes
eputation des Magiſtrats jetzt eine einflußreiche Stellung inne hatte. Ich fand
aber das Bureau im Rathauſe von Hunderten von Perſonen belagert, die mit
ähnlichen Benoſſen, gefommen fein u Gem Auf dem Gange traf ic indeß einen
anderen Genoſſen, der in derſelben Gewerbe⸗Deputation arbeitet und dem ich
alles erzählte, was ich auf dem Herzen hatte. Er riet mir, ſpäter einmal, wenn
über Franzens Beteiligung am Sparkaſſenkrawall Gras gewachſen, wegen ſeiner
Rückverſetzung nach Berlin vorſtellig zu werden. | ö
Ich klagte ihm dabei, daß ich ſelbſt zwar als Buchbinder angenommen,
aber nicht in meiner früheren Stellung als d.
ginge nicht anders, meinte er. In Folge der Erweiterung des Großbetriebes in
en Gewerben ſei der Bedarf an Meiſtern ein ſehr viel geringerer als früher. Er
erzählte mir aber, daß in Folge eines Reck ⸗btehlers eine Nachtragsforderung von
500 Kontroleuren kommen werde; er rie um eine ſolche Stelle einzukommen
Dem Rat werde ich folgen.
Meine Frau iſt als den ell egen angenommen, aber nicht dort, wo
unſer Jüngſtes verpflegt werden ſoll. an ſagt, daß grundſätzlich zur Vermei⸗
dung von Bevorzugungen der eigenen Kinder und zur Fernhaltung der Eiferſucht
der anderen Mütter Frauen als Krankenpflegerinnen nur dort eingeſtellt werden,
wo ſich die eigenen Kinder nicht befinden. Das iſt gewiß gerecht, aber Paula
wird es ſehr hart finden. Frauen ſind nun einmal ſehr geneigt, die Staatsraiſan
ihren Privatwünſchen unterzuordnen. |
Meine Schwiegertochter ift als nicht Putzmacherin, ſondern als Weißnäherin be»
ordert. An Putzwaren hat die Geſellſchaft viel weniger Bedarf. Der neue
Produktionsplan, fert ich, rechne nur mit dem allab, was fi In Folge deſſen
ift beſondere Handfertigkeit, Geſchmack, überhaupt alles, was ſich mehr dem Kunſt⸗
gewerbe nähert, nur in ganz beſchränktem Umfange erforderlich. Agnes meinte,
eiſter, ſondern als Gehſhe — Das
es ſei ihr gleichgiltig, was aus ihr werde, wenn ſie doch nicht mit Franz vereinigt
werde. — Rinder entgegnete ich, bedenkt, daß ſelbſt eine Gottbeit es nicht allen
t machen könnte. — Dann ſollte man, fiel auch Franz ein, doch jeden für ſich
ſelber ſorgen laſſen. So ſchlimm hätte es uns unter der früheren Geſellſchaft
nicht ergehen können.
Ich las ihnen zur Beruhigung den „Vorwärts vor, in welchem die Regierung
zur Klarſtellung eine Ueberſicht über die Berufsanmeldungen und die Arbeitsan⸗
weiſungen gegeben hat. Als Jäger haben ſich in Berlin mehr n onen gemeldet,
als es auf 10 Meilen im Umkreiſe von Berlin Hafen giebt. Na Mafhabe der
Meldungen könnte die Regierung auch neben Ber Thür einen Portier, neben jeden
Baum einen Förſter, für jedes Pferd einen Bereiter ſtellen. Kindermädchen ſind
weit mehr gemeldet als Küchenmädchen, Kutſcher weit mehr als Stallknechte.
Von Kellnerinnen und Sängerinnen liegen Anmeldungen in Hülle und Fülle vor,
beite weniger von Aufſehen Nane Verkäufer und Verkäuferinnen ſind zahl⸗
reich gemeldet. An h ſonder ontroleuren, Sa) ektoren, kurzum an Verwaltungs»
beamten iſt Ueberfluß ſondergleichen, auch an Akrobaten fehlt es nicht. Aber für
die hoi bleme Arbeit der Pflaſterer, der eigen, überhaupt alle Feuerarbeiter
ſind die Meldungen ſpärlich. Noch weniger Liebhaber haben ſich für die Kanal⸗
reinige efunden. N
as Ile aber die Regierung thun, um igren Organiſationsplan für Pro»
duktion und Konſumtion mit den Meldungen in Uebereinſtimmung zu bringen?
Sollte fie etwa auf einen Ausgleich hinwirken durch die Gewährung eines geringeren
Lohnes für Berufsarten, zu denen Andrang beſteht, und eines höheren Lohnes
fr die nicht gejuchten Arbeiten? Das würde doch den Grundlehren det Sozial⸗
emokratie widerſprechen. Jede Arbeit, die der Geſellſchaft nützlich iſt, iſt, wie
Bebel immer geſagt hat, der Geſellſchaft auch Leid) wert. Größere Anteile am
Ertrage der Arbeit würden einen ſehr ungleichen Lebensgenuß begünſtigen oder
bei den höher Gelohnten Erſparniſſe ermöglichen, weiche auf Ummegen wieder
eine Kapitaliſtenklaſſe züchten, und damit das ganze ſozialiſtiſche rode
zerſtören würden. Oder ſollte man etwa durch verſchiedene Bemeſſung der Arbeits⸗
ber einen Ausgleich herbeiführen? Dann würde der naturgemäße Zuſammenhan
er verſchiedenen Hantirungen untereinander bei der Arbeit zerſtörtt. Das Spi
von Angebot und Nadfvage, welches unter der früheren Kapitalsherrſchaft jein
Weſen getrieben, fol und darf in der neuen Ordnung nicht aufkommen.
ie Regierung behält ſich vor, die unangenehme Arbeit den Sträflingen
uzuteilen, und beabſichtigt, wie dies ſchon Bebel empfohlen hat, einen häufigen
echſel in den Beſchäftigungen eintreten zu laſſen. Vielleicht könnte derſelbe
Arbeiter künftig an demſelben Tage zu verſchiedenen Stunden verſchieden be⸗
ſchäftigt werden.
Für jetzt konnte der Ausgleich nur durch das Los herbeigeführt werden,
Unter Zuſammenlegung verwandter Berufsarten ift daher aus der Geſamtzahl
der Bewerber eine dem Bedarf des entzelnen Berufßgmeiges nach dem Organiſations⸗
plan der Regierung entſprechende Anzahl ausgeloſt worden. Aus denjenigen,
welche hierbei Nieten zogen, hat man wiederum durch das Los diejenigen beſtimmt,
welche ſich Arbeiten zu widmen haben, für die eine nicht genügende Zahl von
Bewerbungen eingegangen war. Dabei ſoll mancher ein ihm wenig zuſagendes
Los gezogen haben. |
ranz äußerte, Pferde⸗ und Hundelotterien habe es ja immer gegeben, aber
hier würden zum erſten Male auch Menſchen verloſt. Schon am Anfang ſei man
derart am Ende der Weisheit, daß man zum Loſe greifen müſſe.
Du ſiehſt ja, entgegnete ich, daß künftig alles neu geordnet werden ſoll.
get leiden wir noch unter den Nachwirkungen des Ausbeutungsſyſtems und der
apitalsherrſchaft. Iſt dagegen erſt das ſozialdemokratiſche Bewußtſein voll und
ganz überall zum Durchbruch gelangt, ſo werden ſich zerade für die ſchweren.
lichen und unangenehmen Arbeiten Freiwillige in großer Zahl melden, weil
von dem Bewußtſein getragen ſein werden, daß ſie durch ſolche Arbeit nicht
mehr, wie früher, ſchnöder Erwerbsſucht von Ausbeutern dienen, ſondern ſich um
das Wohl es Ganzen ſcienen das machen.
Die Kinder aber ſchienen davon nicht recht überzeugt.
7. Nachrichten vom Cande.
Alle 20 „Jöhrigen jungen Leute haben ſich binnen drei Tagen beim Militär
u ſtellen gnes Bruder ift auch darunter. Die „Volkswehr ſſer aufs
Flenmſte organifirt und bewaffnet werden. Das Friegöminijterium deſſen weite
aulichk un in der Leipzigerſtraße und Wilhelmſtraße wegen des ſchönen Gartens
einer großen Kindererziehungsanſtalt umgewandelt werden ſollten — meine
Fran ſollte in dieſer Anstalt thätig fein — muß ſeiner früheren Beſtimmung
erhalten bleiben. |
Die inneren Verhältniſſe machen die Aufſtellung der Volkswehr früher und
umfangreicher, als beabſichtigt war, nothwendig. ie neuen Landräte in den
Provinzen verlangen dringend nach militäriſcher Unterſtützung zur Durchführun
der neuen Geſetze auf dem Lande und in den kleineren Städten. Deshalb wir
am Orte jedes Landwehrbezirkskommandos ein Bataillon Infanterie, eine Eskadron
— —— — —— —- —e
—
und eine Batterie aufgeſtellt. Indeß werden der größeren Sicherheit halber dieſe
Truppenteile nicht aus Mannſchaften deſſelben Ergänzungsbezirks gebildet.
Die Bauern müſſen zur Raiſon gebracht werden. Sie widerſetzen ſich der
Verſtaatlichung oder, wie es jetzt amtlich heißt, der Vergeſellſchaftung ihres Privat⸗
eigentums an Grund und Boden, Pe und Hof, Vieh und fonftigem Inventar.
u
Sold’ ein Bauer will durchaus auf feinem Eigenen fiten bleiben, auch wenn er
ch dabei von früh bis ſpät ſchinden und plagen muß. Man könnte die Leute
a ruhig ſitzen laſſen, wenn dadurch nicht die ganze planmäßige Organiſation der
roduktion für das Reich unmöglich würde. Darum müſſen die Unverſtändigen
5 zu ihrem eigenen ist. gezwungen werden. Wenn aber die ganze Organi⸗
ation erſt durchgeführt iſt, dann werden auch die Bauern einſehen, welches an⸗
genehme Wohlleben ihnen die Sozialdemokratie bei kurzer Arbeitszeit verſchafft hat.
Die Knechte und dagger auf dem Lande waren zuerſt, als die großen
Güter, auf denen ſie bisher Arbeit fanden, für Nationaleigenthuum erklärt wurden,
hr bei der Sache. Nun iſt aber plötzlich eine ſonderbare Veränderungsluſt in
ieſe Leute gefahren. Sie drängen alleſamt nach den großen Städten, womöglich
nad) Berlin. Hier in der Friedrichſtraße und Unter den Linden gewahrte man
gebracht werden, was allerdings viel Erbitterung hervorruft. Das fehlte auch
Beſuchs angeihafften Vorräte verderben laſſen.
Es wäre freilich richtiger geweſen, wenn die erſt jet erlaffenen Beſtimmungen
bon früher gekommen wären, wonach niemand feinen ?
er Abweſenheit ohne Urlaubskarte und 0 dauernder Entfernung ohne Anweiſung
— 10 —
a und klar darlegt, nach Maßgabe der ſorgfältig aufgeſtellten Berechnungen
und Pläne der Regierung. Der ſozialdemokratiſche Staat oder, wie es jetzt Ha
zie Geſellſchaft, nimmt die allgemeine Arbeitspflicht ernſt und duldet des
keinerlei agabondage, auch keine Eiſenbahnvagabondage.
Der „Borwärts“ bringt auch heute einen ſehr charfen Artikel gegen die ſo⸗
genannten Dezentraliſten, d. h. eine kompromißſüchtige Richtung, zu der ſich auch
viele Berliner Weißbierphiliſter rechnen. Das ſind Leute, die nicht begreifen
können, daß die Berliner Stadtverordneten jetzt nicht mehr zu parlamenteln, fon-
dern nur Ordre zu pariven haben. Den Stadtverordneten liegt es lediglich ob,
benimmt. im Einzelnen auszuführen, was die Regierung für das ganze Land
immt. Berlin hat für ſeine im Reichshaltsetat feſtgeſetzte Bevölkerungs ol ſo viel
auszugeben, wie Gir jedes Jahr in dieſem Etat für neue Hänsch oder öffent de nlagen
und communale Einrichtungen ausgeworfen werden wird, nichtmehr und nicht weniger.
Geſtern hat der Reichskanzler wieder einmal, wie der „Vorwärts“ mit Recht
rühmt, in ſeiner zielbewußten Weiſe im Reichstag geſprochen, und einen einſtim⸗
migen Beſchluß erzielt. Es handelte ſich darum, ob ein Verſuch gemacht werden
fell, das platte Land dadurch zu beruhigen, daß das ländliche Privateigentum
nicht zu Gunſten der Geſamtheit in Deutſchland, ſondern zu Gunſten ſogenannter
lokaler Penduftingeno] enſchaften aufgehoben wird, zu welchen die Ein-
wohner jedes Ortes verbunden werden ſollen.
„Solche aus Laſſalles Zeit herrührenden und bereits 1891 vom Erfurter Parteitag ab⸗
gethanen Irrtümer ſollten doch nicht wieder aufleben. Aus einer ſolchen Organiſation
dirſchiedener Produktionsgenoſſenſchaften würde ja eine ſelbſtändige Konkurrenz der einzelnen
Orte unter einander mit Notwendigkeit folgen. Der Unterſchied der Güte des Bodens in
den verſchiedenen Landſtrichen und Ortſchaften würde wieder Unterſchiede von Reich und Arm
mit ſich bringen und damit dem Privatkapitaltsmus eine Hinterthür öffnen. Eine planmäßige
Organiſation der Produktion und Konſumtion aber ſowie eine ſachgemäße Verteilung der
Arbeitskräfte über das ganze Land duldet keinerlei Individualismus, keinerlei freie Konkurrenz,
weder eine perſönliche noch eine örtliche Selbſtändigkeit. Die Sozialdemokratie verträgt eben
keine Halbheiten; man will ſie entweder ganz oder man will He nicht. Wir aber wollen
fie voll oder ganz zur Wahrheit machen.“ (Lebhafter Beifall.)
8. Der letzte Familientag.
Mit meinen beiden Frauensleuten, Frau und Schwiegertochter, habe ich
e einen ſchweren Stand gehabt. Es war Mutters Geburtstag, ein jeit 25
hren mir lieber Gedenktag; aber eine frohe Stimmung kam heute nicht zur
eltung. Morgen reiſt Franz nach Leipzig, morgen müſſen wir auch die beiden
anderen Kinder abgeben. Großvater zieht in die Altersverſorgungsanſtalt.
Von alledem war mehr die Rede als vom Geburtstag. Großvater ſtimmte
meine Frau ſchon vom frühen Morgen an weichmütig. Die Sozialdemokratie,
— er, iſt unſer aller Unglück; das habe ich immer kommen ſehen. Ich ſchil⸗
rte ihm bas gute, bequeme Leben, welches ihn in der Anſtalt erwarte.
Was nützt mir dies alles, e Koe aus. Ich ſoll dort mit fremden Leuten
wohnen, eſſen und ſchlafen. Meine Tochter iſt nicht um mich und ſorgt nicht
mehr für mich. Ich kann nicht rauchen wo und wie ich will. Mit Annie kann
ich nicht mehr ſpielen, und Ernſt erzählt mir nichts mehr aus der Schule. Auch
aus Deiner Werkſtatt erfahre ich nichts. Wenn ich wieder einmal krank werde,
dann bin ich ganz verlaſſen. Einen alten Baum ſoll man nicht verſetzen; mit
mir wird es nun bald zu Ende ſein.
Wir tröſteten ihn mit häufigen Beſuchen. Ach, meinte er, mit ſolchen Be⸗
ſuchen iſt es nur eine halbe Sache. Dabei iſt man nicht recht unter ſich und
wird von andern bester .
Wir ließen die kleine Annie, Großvaters Liebling, verſuchen, ihn in ihrer
kane ihm enn Weiſe zu tröſten. Das Kind war am munterſten von allen. Es
datte emand erzählt von vielem Kuchen, hübſchen Puppen, kleiven Hunden,
“
eine Sache iſt. Er ſollte jetzt in die bete kommen und hatte di darauf ge⸗
eut. Der Junge hat eine bellen dan „ aber mit dem Studiren will es nicht
recht bei ihm vorwärts. Nun ſollen aber alle Kinder in gain Alter gleichmäßig
noch ein paar Jahre ſtudiren und dann erſt eine Fachausbildung erlangen.
Mutter bereitet uns immer zu 11 Geburtstag einen ſchönen ſaftigen
Kalbsbraten mit Backpflaumen, unſern hiſtoriſchen Kalbsbraten, wie ihn Franz
immer ſcherzhaft nannte. Wenn Ihr auch, jo meinte meine Fra weni ‚als
der Braten auf den Tiſch erſchien, nächſtens zu Beſuch kommt, einen Kalbsbraten
kann ich Euch doch nicht vorſetzen, denn eine Küche haben wir dann nicht mehr.
Alle Achtung vor Deinen Kalbsbraten, ſo ſchaltete ich ein, aber darum können
wir doch unſere Ideale nicht preisgeben. Wir werden auch künftig Kalbsbraten
eſſen und ſogar öfter und noch manches andere Leckere dazu. Aber, ſo meinte ſie,
der eine bekommt dann hier, der andere dort zu eſſen. Was dem Dergen bei der
Trennung verloren ge kann das große Wohlleben nicht erſetzen. Es iſt mir
auch nicht um den Kalbsbraten, ſondern um das Familienleben.
Alſo nicht um die Waffe ſondern um die Liebe, ſo ſcherzte ich. Tröſte
Dich, Alte, wir werden uns inftig auch recht lieb haben und noch mehr freie
Zeit als bisher, es uns ſagen zu können. a .
Ach, ſagte meine Frau, ich wollte mich lieber wieder 10 und 12 Stunden
hier im Hauſe für Euch plagen, als dort 8 Stunden für fremde Kinder, die mich
nichts angehen.
Warum muß das alles fein, fragte fie dann ſcharf, und die Schwieger⸗
tochter, die immer meiner Frau beiſtimmt. wenn ſie auf ſolche Kapitel kommt,
wiederholte die Frage noch ſchärfer. Wenn die beiden zuſammen ein Duett reden,
ſo iſt mich kein Aufkommen mehr, zumal wenn Franz ſich ſo neutral verhält
oder gar feiner Braut dabei zunickt.
Habt Jie denn nicht mehr in Erinnerung die ſchönen Vorträge von
aulein W. über die Emanzipation des Weibes, ihre Gleichberechtigung in der
eſellſchaft mit dem Mann? Damals haben Euch doch dieſe Reden ebenſo be⸗
zeiſtert, wie Bebels Buch!
A äulein W. ift eine alte Jungfer, die immer nur Chambre garnie
oder in lafſtellen gewohnt hat, erhielt ich darauf zur Antwort. |
Darum aber kann fie doch recht haben, erwiderte ich. Gleiches Arbeitsrecht
und 11 Arbeitspflicht obne Unterſchied bes Geſchlechts iſt die Grundlage der
ſozialiſirten Geſellſchaft. Unabhängigkeit der Frau vom Manne durch gleichen
und ſelbſtändigen erb der Frau außer dem Haufe, keine Hausſklaven mehr,
weder Sklavendienſte der Frau noch der Dienſtboten. Darum äußerſte Beſchrän⸗
kung der Häuslichkeit durch Uebertragung häuslicher Arbeit auf große Anſtalten
der Geſellſchaft. Keine Kinder und keine älteren Perſonen mehr in der Häuslich⸗
keit, damit nicht die ungleiche Zahl ſolcher Pfleglinge in der Familie die Unter-
ſchiede von Arm und Reich aufs Neue hervorbringt. So hat es uns Bebel gelehrt.
Das mag ja alles recht mathematiſch ausgedacht fein, meinte Grohvater, aber
glücklich, Auguſt, macht das nicht. Denn warum? Die at fel de Fran dun den dals
roßvater hat Recht, rief Agnes, und damit fiel fie Franz um den Hals
mit der Verſicherung, fie wolle garnicht von ihm emanzipirt werden.
Da war es denn freilich mit einer vernünftigen Auseinanderſetzung zu
Ende. — Ich wollte doch, der morgige Trennungstag wäre ſchon üb⸗rſtanden.
— ——
— 12 —
9. Der große Amzug.
Statt der Droſchke, welche heute die Kinder und Großvater adoholen ſollte,
hielt am Morgen ein Möbelwagen vor der Thür. Mit der Ueberſiedelung hätte
es noch bis zum Abend Zeit, ſo ſagus der Schutzmann. Zuvor aber ſei er be⸗
ordert worden, Möbel aufladen zu laſſen.
Was fol denn das heißen, rief meine Frau erſchrocken, ich denke, das Haus
gerät bleibt Privateigentum. a
Gewiß, gute Frau, ſagte der Schutzmann, alles Hausgerät ſollen wir auch
Geſe abholen, ſondern nur die hier im Inventar bezeichneten Stücke nimmt die
Geſellſchaft in Anſpruch. Dabei holte er ein Inventar hervor, welches wir
früher hatten einliefern müſſen, und zeigte uns auch eine Bekanntmachung im
ſehen hatten⸗ welche wir allerdings unter den Aufregungen der letzten Tage über⸗
ehen hatten.
meine Frau fiß gleichwohl von ihrem Erſtaunen über das Abholen von
Möbeln nicht erholen konnte, meinte der Beamte, welcher ſich übrigens recht
höflich benahm: Aber, liebe Frau, wo ſollen wir denn ſonſt die Möbel hernehmen,
um alle die neuen Anſtalten für Kindererziehung, Altersverſorgung, Krankenpflege
u. ſ. w. auszuſtatten? |
Ja, warum gehen Sie denn nicht zu den reichen Leuten, welche ganze Häufer
mit den ſchönſten Möbeln bis zum Dach elt. pf t haben, und leeren dort aus?
un wir auch, Frauchen, ſchmunzelte der Beamte, in der Tiergartenſtraße,
Viktoriaſtraße, Regentenitraße nnd überall dort herum hält ein Möbelmagen
hinter dem andern. Der Verkehr ift für anderes Fuhrwerk bis auf weiteres
völlig geſperrt. Kein Part behält mehr als zwei Betten und an ſonſtigem Gerät
mit
apa,
Ja, meinte meine Frau, wohin ſollen unſere Lieben denn, wenn fie zu uns
Woßer dazu a er Bettenzahl in den Krankenhäuſern für die ba be.
0
den Betten und allen dieſen Spinden und Tiſchen anfangen, wenn der alte
Platzes in der vr en Wohnung.
eu das meine gute Frau in ihrer etwas lebhaften Ein-
kommen, in der
wir dann ein oder zwei Eng für Logirbeſuch einrichten könnten. Qu bar es
aula allerdings keine Deranlaflung, denn Bebel hat es
as allernotwendigſte
chte ſich dann zu beruhigen in dem Gedanken, der Vater und die
in die Verſorgungsanſtalt mitgeben wollen.
Nein, ſo iſt es nicht gemeint, bemerkte der Beamte. Alles wird zuſammen⸗
gebradit, ſortirt und dann paſſend verwendet, wie es fich gerade macht. Es würde
och eine kunterbunte Möblirung in den Anſtalten herauskommen, wenn jeder
dort für ſich apart fein eigenes Gerümpel aufjtellen wollte.
— 12 —
| Daram gab es dann wieder neues Lamento. Den Sorgenftuhl hatte Groß⸗
vater zu ſeinem letzten Geburtstag von uns geſchenkt erhalten. war noch wie
neu, und der Alte fühlte ſich darin ſo mollig. * dem Kinderbett von Annie
hatten der Reihe nach unſere Kinder geſchlafen. Es war je nach dem Bedarf
auf dem Boden gewandert und wieder heruntergeholt worden. Das große Spind,
welches wir nachher Vater überließen, gehörte zu den erſten Stücken, die wir uns
der Hochzeit auf Abzahlung kauften. Wir haben es uns ſauer werden laſſen
müſſen, um damals unſern Hausrat ſoweit zu vervollſtändigen. Der Spiegel
war ein Erbſtück von meinem Vater. Er pflegte ſich vor demſelben zu rafiren.
Die Ecke dort unten hatte ich als Knabe abgeſtoßen, was mir derbe Prügel ein⸗
trug. So klebt an jedem Hausgerät ein Stück Lebensgeſchichte von uns. Das
ſollte nun alles wie Trödelware auf Nimmerwiederſehen verſchwinden.
ber es half nun einmal nichts. Die Möbel wurden aufgeladen. Am
Abend wurden dann auch richtig die Kinder und Großvater von einem andern
Schutzmann abgeholt. Begleiten durften wir ſie nicht. Das H. er muß doch
endlich einmal ein Ende nehmen, Ir te der Machtmeißeer ber! Er hatte jo um
recht 18. Dieſe alte Gefühlsduſelei paßt nicht zu dem Geiſteswehen der neuen
eit. Jetzt, wo das Brüderreich der ganzen Menſchheit beginnt und Millionen
einander umſchlungen halten, gilt es den Blick herauszuheben über die engen
kleinbürgerlichen Verhältniſſe einer vergangenen überwundenen Zeit.
Das ſagte ich auch meiner Frau, als wir allein waren. Wenn es nur
nicht fo öde und ſtill wäre in den halb ausgeleerten Räumen! Wir find fo allein
wie jeh ſeit dem erſten yabr unſerer Ehe nicht mehr gemejen.
ie mögen die Kinder und Großvater heute Abend gebettet jein unterbricht
mich meine Frau ſoeben, ob fie wohl ſchlafen können? Annie ſch ief freilich ſchon
beinahe, als der Schutzmann fie holte. Ob ihre Kleider wohl richtig abgeliefert
Im und man ihr das lange Nachtröckchen angezogen hat, damit fie ſich nicht er⸗
ltet? Sie ſtrampelt ſich doch im Schlaf immer die Decke fort. Ich hatte das
Nachtröckchen oben auf die Kleider gelegt mit einem Zettel für die Wärterin.
| Meine Frau und ich werden heute Nacht ſchwerlich ein Auge zuthun. —
Man muß ſich eben an alles erſt gewöhnen.
10. Das neue Geld.
Die Photographen haben viel Arbeit bekommen. Alle Deutſchen im Alter
dom 21. bis 65. Lebensjahr, alſo alle diejenigen, welche nicht in Staatsanſtalten
unterhalten werden, ſind angewieſen worden, ſich photographiren zu laſſen. Es
t dies nutz rana, um die neuen Geldeertiſtkate, welche an Stelle der bisherigen
Kaſſenſcheine treten ſollen, einzuführen.
n ebenſo ſcha inniger wie kluger Wa ſo führt der „Vorwärts“ aus,
hat unſer Reichsſchatzſekretär das Problem gelöſt, ein Tauſchmittel herzuftellen,
welches die legitimen Zwecke eines ſolchen erfüllt und doch das Wiederaufkommen
einer Kapitali u fh völlig ausſchließt. Das neue Geld hat nicht wie Gold
oder Silber an ſich einen Wert, ſondern beſteht nur in Anweiſungen auf den
Staat als den nunmehrigen alleinigen Beſitzer aller Verkaufsgegenſtände.
Jeder Arbeiter im Dienſt des Staates erhält von 14 zu 14 Tagen ein
Gebrauchs durch andere Perſonen gleich den früheren Abonnementsbillets bei der
Berliner Stadtbahn mit der Photographie des Inhabers auf dem Deckel verſehen
| bei muß. For die für Alle gleichmäßig vorgeſchriebene Arbeitszeit verhindert
ei gleichem Lohn, daß ſoziale "Ingleichheiten aufkommen in Folge der verſchiedenen
Befähigung und des verſchiedenen Grades, wie von dieſen Fähigkeiten Gebrauch
benen wird. Es gilt aber noch, ebenſo wie bei der Produktion auch die Mög⸗
ichkeit auszuſchließen, daß ſich durch Verſchiedenheit der Konſumtion Werte in
den Händen einzelner ſparſüchtiger oder bedürfnisloſer Perſonen anſammeln
Certifikat "dung on welches auf den Namen lautet und zur Verhinderung eines
— 14 —
können. Auch hierdurch hätte ja eine Kapitaliſtenklaſſe Eingang finden können,
welche im Stande geweſen wäre, weniger ſparſame und deshalb ihren Lohn
konſumirende Arbeiter allmählig in Abhängigkeit von ſich zu bringen.
Damit das Certifikat im ganzen und in ſeinen einzelnen Coupons nicht
Dritten überlaſſen werden kann, find die einzelnen Coupons bei dem Gebrauch
nicht von dem Inhuber, ſondern in Gegenwart des ſelben von dem den Coupon
in Zahlung nehmenden Verkäufer oder ſonſtigen Beamten des Staats loszu⸗
trennen. Die Coupons, welche von 14 zu 14 Tagen in dem auf dem Dedel
mit der Photographie des betreffenden Inhabers verſehenen Büchlein von dem
zuſtändigen Staatsbuchhalter neu eingeheftet werden, find verſchiedenartig ein.
erichtet. Ein Wohnungscoupon oder eine Wohnungsmarke iſt durch den Portier
sjenigen Hauſes, in welchem die Wohnung angewieſen iſt, regelmäßig loszu⸗
trennen. — Die neue Wohnungsvertheilung ſoll kurz vor der Eröffnung de
Staatsküchen ſtattfinden, weil alsdann die bisherigen Küchen außer Gebrauch
peiet: werden können — eine Eßmarke 1 bei ahme des Mittagsmahls in
en Staatsküchen vom Buchhalter dafelbſt loszutrennen, eine Brotmarke beim
Empfang der Brotportion (700 Gr. pro Kopf und Tag). Die Geldmarken, welche
ſich außerdem noch in dem Certifikat befinden, haben einen verſchiedenen Nenn⸗
wert und können vom Inhaber, je nach ſeinem perſönlichen Belieben, verwandt
werden zur Anſchaffung von Fel und Abendmahlzeiten, von Tabak und geiſtigen
Getränken, für Reinigung der Wäſche und Ankauf von Kleidungsgegenſtänden,
kurzum für alles, was ſonſt ſein Herz an Waren begehrt. Alles wird ja in den
Staatsmagazinen und Verkaufsſtellen zu haben fein. Der Verkäufer hat ſtets
nur die dem feſtgeſetzten Preis entſprechenden Coupons loszutrennen.
Da jeder Coupon die Nummer des Certifikats trägt und der Inhaber des⸗
ſelben in der Liſte vermerkt iſt, ſo läßt ſich aus den angeſammelten Coupons
entnehmen, in welcher Weiſe jeder ſeinen Lohn konſumirt hat. Die Regierung
iſt alſo in den Stand geſetzt, jedem nicht blos auf die Haut, ſondern gewiſſer⸗
maßen bis in den Magen hineinzuſehen, was die Organiſation der Produkiion
und Konſumtion in hohem Maße erleichtern muß.
Die für den Coupon gekauften Waren kann der Käufer ſelbſt gebrauchen
oder anderen überlaſſen. Der dodende kann Iogar dieſe Waare durch ſchriftliche
Verden r den Todesfall beliebig vererben. In einer die Gegner und
Verleumnder der Sozialdemokratie wahrhaft beſchämenden Weiſe iſt ſomit, wie
der „Vorwärts“ treffend bemerkt, durch dieſe Einrichtung dargethan, daß die
Sozialdemokratie keineswegs jedes Privateigentum und jedes Erbrecht beſeitigen
will, ſondern das individualiſtiſche Belieben nur ſoweit einſchränkt, wie es die
Fernhaltung eines neuen Privatkapitalismus und eines Ausbeuterſyſtems bedingt.
Wer innerhalb 14 Tagen, alſo bis zur Ausfertigung eines neuen Certifikats,
jeine Coupons nicht vollſtändig verbraucht hat, erhält auf dem nächſten Certifikat
en unverbrauchten Reſt gut geſchrieben. Aber eilig muß auch hier Vorkehrung
getroffen werden, daß ſich nicht ſolche Reſtbeträge bis zu wirklichen Kapitalien
anhäufen können. Ein Betrag von ſechszig Mark gilt mehr als ausreichend, um
es dem einzelnen zu ermöglichen, ſich auch größere Kleidungsſtücke aus den Er⸗
ſparniſſen der Certifikate anzuſchaffen. Was über dieſen Ertrag hinaus erſpart
wird, verfällt daher der Staats kaſſe.
11. Die neue Häns lich eit.
Die große Bohnungelotterie bat ftattgefunden und die neue Bohrung IR
von uns bezogen worden. Freilich verbeſſert haben wir uns nicht gerade. ir
wohnten Berlin 8 W., drei Treppen im Vorderhauſe und haben — zufällig in
baus. 2 Hauſe — eine Wohnung angewieſen erhalten drei Treppen im Hinter⸗
hauſe. Meine Frau iſt ein Bis en Hart enttäuſcht. Sie hatte zwar den Ge
— 18 —
danken an eine kleine Villa aufgegeben, aber wohl noch immer auf eine halbe
Beletage irgendwo gehofft.
Auf die Wohnung habe auch ich immer viel gegeben. Wir hatten bisher für
uns 6 Perſonen 2 Stuben, 2 Kammern und die Küche. Die beiden Kammern,
in denen Großrater und die Kinder ſchliefen, brauchen wir allerdings jetzt nicht
mehr. Der Küche bei den Wohnungen bedarf es auch nicht weiter, da morgen
die Sur in Sr eröffnet werden ſollen. Aber auf 2 bis 8 busch Stuben hatte
ich mir im Stillen ſelbſt Hoffnung gemacht. Statt deſſen haben wir eine ein⸗
fenftrige ‚Stube und eine Art Mädchengelaß, wie man es früher nannte, zugeteilt
kommen. Etwas dunkler und etwas niedriger ſind die Räume, auch Nebenräume
m "des Al ift mit rechten Di n. Unſer Magiſtrat i
n es iſt mit rechten Dingen zugegangen. er Magi
lich, und nur ein Schelm giebt mehr, als er hat. Wie geſtern in der Sehe.
verordnetenverſammlung dargelegt wurde, hat Berlin bisher laut dem früheren
Mietsſteuerkataſter für ſeine 2 Millionen inwohner eine Million Wohnzimmer
ur Verfügung gehabt. Nun iſt aber der Bedarf an Räumen für Öfentige
fon in unſerer ſozialiſirten Geſellſchaft außerordentlich gewachſen. ie zu
ffentlichen Zwecken ſchon vorhanden geweſenen Räume einſchließlich der Laden⸗
lokale vermochten deshalb nur einen winzigen Bruchteil des jetzigen Bedarfs zu
decken. War doch ſchon eine Million junger und alter Perſonen in Erziehungs⸗
und Verpflegungsanſtalten unterzubringen. Krankenhäuſer mit 80 000 Betten
ſind jeg reſervirt.
olche öffentliche Zwecke nähen aber den Privatintereſſen vorangehen.
Mit großem Recht hat man deshalb vorzugsweiſe die größeren und beſſeren
Sn be „ namentlich in den weſtlichen Stadtteilen, dafür in Beſchlag genommen.
n den inneren Bezirken liegen deſto mehr Bureaus und Verkaufsmagazine. In
den lr cecſen ind überall die Staatsküchen und Speiſehäuſer für diejenige
Million Einwohner eingerichtet, welche nicht in öffentlichen Anſtalten untergebrac
iſt. In den Hinterhäuſern befinden ſich auch Centralwaſchanſtalten für dieſelben.
enn dergeſtalt für ſo viele beſondere Zwecke auch beſondere Räumlichkeiten
reſervirt werden mußten, ſo ergab ſich daraus von vornherein eine Beſchränkung
der Privatwohnungen. j
Bei Uebernahme der Regierung find wie gejagt im ganzen eine Million
verfügbarer Wohnzimmer vorgefunden worden. Es ſiud davon nach Deckung des
Bedarfs für öffentliche Zwecke 600 000 mehr oder weniger kleine Wohnzimmer
übrig geblieben nebſt einigen hunderttauſend Küchenräumen und andern Neben⸗
räumen. Für die in Privatwohnungen unterzubringende Million Einwohner ent⸗
el daher pro Kopf eine Räumlichkeit. Um jede Ungerechtigkeit zu verhindern,
dieſe Räume verloſt worden. Jede Perſon von 21 bis 45 Jahren, männ⸗
lich oder weiblich, erhielt ein Los. Das Verloſen iſt überhaupt ein vorzügliches
Mittel, um dem Prinzip der Gleichheit bei ungleichen Verhältniſſen Rechnung zu
tragen. Die Sozialdemokraten in Berlin hatten ſchon in der früheren Geſellſchaft
ſolche Verloſungen eingeführt bei Theaterplätzen.
Nach der Verloſung der Wohnungen war Umtauſch der zugeloſten Räume
geltastet. Diejenigen, welche beiſammen bleiben wollten wie Eheleute aber nach
traßen, Häuſern oder Stockwerken getrennte Räume zugeloſt erhalten hatten,
tauſchten mit anderen. Ich konnte freilich neben der für meine Frau ausgeloſten
Stube nur noch das Mädchengelaß bekommen, indem ich dafür die für mich im
Nachbarhauſe zugeloſte Stube einem jungen Mann überließ, welcher das Mädchen⸗
daß d hatte. Indeß die Hauptſache iſt doch, das wir beide zuſammen ge⸗
lieben ſind.
Allen Eheleuten iſt ein entſpeechender Zimmertauſch freilich noch nicht ge
glückt. Manche geben ſich vielleicht auch keine rechte Mühe, wieder zuſammen⸗
zukommen. Die Ehe iſt Privatſache und deshalb können von Amtswegen nicht
— 16 —
beſondere größere Wohnungen für Eheleute und kleinere Wohnungen Einzel⸗
perionen verloſt werden. Wäre letzteres der Fall, ſo würde ja belppelswel
ie Auflöſung einer Ehe, welche doch an jedem Tage möglich ſein ſoll, bis zum
erden von Wohnungen für Einzelperionen hinausgeſchoben werden mühe
dagegen kann jede bei Eingehung der Ehe nach privater Entſchließung von
gel Perſonen zufammengelegte Wohnung ebenſo wieder bei Auflöſung der Ehe
ihre beiden urſprünglichen Teile zerlegt werden. Man teilt die zuſammengeſtellten
Möbel ab, und alles iſt wieder vorbei.
So ift in der neuen Geſellſchaft auch hier alles auf das folgerichtigſte und
ſcharfſinnigſte geordnet worden. ie beſchämend ſind doch dieſe Einrichtungen,
welche jede perſönliche Freiheit für Mann und Weib garantiren, wiederum für
diejenigen, die ſtets behauptet haben, daß die Sozialdemokratie eine Knechtſchaft
des Einzelwillens bedeute. ö |
Für meine Alte und mic find dies natürlich kein praktiſchen Fragen. Wir
alten wie bisher in Natur und Leid bis zu unſerm Lebensende treu zuſammen. Das
nd nur ſchwache Naturen, bei welchen der innere Herzensbund auch noch der
| eren Klammern, wie in der alten Geſellſchaft bedarf, um nicht auseinander
zufallen.
Leider haben wir beim Umzug wieder einen weiteren Teil unſeres Haus⸗
rats im Stich laſſen müſſen. Die neue Wohnung war zu klein, um auch nur
den Reſt unſeres Mobiliars, der uns nach dem Umzugstage unſerer Lieben
geblieben vollſtändig aufnehmen zu können. Wir haben natürlich in die beiden
elaſſe hineingeſteckt, was von unſern Sachen hineinging, ſodaß wir in der
Bewegung etwas beengt ſind. Aber das ehemalige Mädchengekaß iſt doch gar
zu klein und hat auch 8 wenig Wandfläche. Sehr vielen anderen iſt es auch
nicht beſſer ergangen. Beim oznungs wachen blieben daher ſehr viele Sachen
uf der Straße ſtehen, welche in den neuen Räumen von ihren bisherigen Beſitzern
nicht untergebracht werden konnten. Dieſe Sachen ſind ſämtlich aufgeladen
worden, um die noch ſehr mangelhafte Einrichtung in unſeren großen öffentlichen
Anſtalten nach Möglichkeit zu vervollſtändigen.
Darüber wollen wir uns aber nicht betrüben. Es gilt, in der neuen
Geſellſchaft an Stelle einer beſchränkten as t ein Privatexiſtenz ein groß⸗
artiges öffentliches Leben zu organiſiren, das mit ſeinen auf das vollkommenſte
eingerichteten Anſtalten für leibliche und geiſtige Nahrung jeder Art, für Erhol ung
und Geſelligkeit allen Menſchen ohne Unterſchied dasjenige zu Theil werden läßt,
was bis dahin nur eine bevorzugte Klaſſe genießen konnte. Der morgigen
Eröffnung der Staatsküchen ſoll demnächſt auch die Eröffnung der neuen Volks⸗
theater folgen.
12. Die neuen Staatsküchen.
Es iſt doch eine wahrhaft bewundernswerthe Leitung daß heute in ganz
Berlin mit einem Schlage 1000 Staatsküchen, jede zur Speiſung von je 1000
Perſonen, eröffnet werden konnten. Zwar wer ſich eingebildet hat, daß es in
dieſen Staatsküchen hergehen werde, wie an der Table d’höte der großen Hotels
ur Zeit, als dort noch eine üppige Bourgeoiſie in raffinirter Feinſchmeckerei
bers muß ſich enttäuſcht finden. Natürlich giebt es in den Staatsküchen
er Nogialifieten Geſellſchaft auch keine ſchwarz befradten und geſchniegelten Kellner,
auch keine ellenlangen Speiſekarten und dergleichen.
Alles iſt für die neuen Staatsküchen bis in die kleinſten Einzelheiten hinein
genau vorgeſchrieben. Niemand wird vor dem andern auch nur im geringiten
evorzugt. Eine Wahl unter den verſchiedenen Küchen iſt natürlich nicht geſtattet.
Jeder hat das Recht in der Küche ſeines Bezirks zu ſpeiſen, innerhalb deſſen die
neue Wohnung Ateben iſt. Die Hauptmahlzeit wird verabreicht zwiſchen 12 Uhr
mittags und 6 Uhr abends. Jeder meldet ſich bei derjenigen Küche, welcher er
— 17 — a |
en iſt, entweder in der Mittagspauſe feiner Arbeitszeit oder nach
igung der Arbeit. .
Leider kann ich mit meiner Frau, wie ich dies ſeit 25 Jahren geivohnt
machten ſich allerdngs in den Küchen heute ein wenig unangenehm maufig. Das
Es wurde natürlich bunte Reihe gemacht. Jeder nimmt Platz, wie er
gerade von der Arbeit kommt. Neben einem Müller jaß. mir gegenüber ein
er Müller.
Urſprünglich wollte man, wie unſere Nachbarin, die Kochfrau, erzählte, in
jeder Küche verſchiedene Speiſen derart zur Auswahl ſtellen, daß nach dem Ale
e Portionen ſind für jedermann gleich gb. Ein Nimmerfatt, wel
eute unter Verletzung des ſozialdemokratiſchen Gleichheitsprinzips noch eine Zu⸗
ge verlangte, wurde herzkich ausgelacht. Auch der Gedanke, den Frauen kleinere
Portionen zuzumeſſen, iſt als der Gleichberechtigung beider Geſchlechter und ihrer
gleichen Arbeitspflicht widerſprechend von vornherein zurückgewieſen worden. Frei⸗
ich müſſen auch die Männer von ſchwerem Körpergewicht mit derſelben Portion
fürlieb nehmen. Aber für diejenigen darunter, welche ſich in ihrem früheren Wohl⸗
leben als Bourgeois gemäſtet haben, iſt das Sufammengiehen des Schmacht⸗
riemens ganz geſimd. olchen Perſonen dagegen, welche durch ſitzende Lebens⸗
weiſe und durch Naturanlage eine ſtärkere Leibesfülle gewonnen haben, iſt bei
dem achtſtündigen Maximalarbeitstag freie fee gewährleiſtet, ſich anderweitig zu
trainiren. Auch kann ich ja jeder von Hauſe ſo viel von ſeiner Brotportion als
ukoſt zur Mahlzeit mitbringen, wie er immer eſſen mag. Ueberdies iſt es den⸗
enigen, welchen ihre Portion zu groß iſt, freigeſtellt, ihren Tiſchgenoſſen einen
il davon abzugeben. | j
Wie unſere Nachbarkn erzählte, hat das Minifterium für Volksernährung
dem Küchenzettel die wiſſenſchaftlichen Erfahrungen darüber zu Grunde gelegt,
wie viel Gramm dem Körper, um ihn in ſeinem ſtofflichen Zuſtand zu erhalten,
an ſtickſtoffhaltigen Nährſtoffen (Eiweiß) und ſtickſtofffreien Nährſtoffen (Fett und
Kohlhydrate) zuzuführen jmd. Es giebt täglich für jedermann lei (durch⸗
%
4
“
| — BB —
ittlich 150 Gramm pro Portion) und daneben entweder Reis, Graupen oder
ſenfrüchte (Erbſen, Bohnen, Linien), faſt immer mit reichlſchen Kartoffeln.
onnerstag wird Sauerkohl mit Erbſen verabreicht. Was in Berlin an jedem
da gie t wird, iſt an den Anſchlagſäulen zu leſen. euer de veröffentlichen
den Küchenzettel ſchon für die ganze Woche, genau jo wie früher den Theaterzettel.
Wo hat es je in der Welt ein Volk gegeben, in welchem wie 155 bei uns
jedermann täglich Fine Fleis portion geſichert iſt? Selbit ein franzö i ger König
nte als höchſtes Ideal ſich nur vorſtellen, daß am Sonntag jeder uer ſein
Huhn im Topfe haben ſolltk. Dabei muß man 19 noch gegenwärtig halten, daß
neben der gleichen Grundlage, welche für die Ernährung von Side dende ge⸗
legt wird, dem perſönlichen Belieben eines Jeden überlaſſen bleibt, bei den Neben⸗
mahlzeiten ſich morgens und abends alles dasjenige zu gönnen, was ſein Gaumen
verlangt, natürlich immer in den Grenzen des Geldcertifikats. „ .
1 Keine Brotloſigkeit, keine Obdachloſigkeit mehr! Für jedermann an jedem
Tage Fleiſch im Topfe! Schon dieſes Ziel erreicht zu haben, iſt ein fo erhabener
Gedanke, daß man darüber manche bequemlichteiten die allerdings der neue
Zuſtand mit ſich bringt, vergeſſen unß. Freilich die Fleiſchportion könnte noch
etwas größer ſein. Aber unſere vorſichtige Regierung wollte zu Anfang nicht mehr
verabreichen, als bisher in Berlin mittags durchſchnittlich verzehrt wurde. Später ſoll
ja Alles bei uns viel reichhaltiger und großartiger werden, je mehr die neuen Ein⸗
richtungen ſich vervollkommen und die ebergangsverhältniſſe überwunden werden.
Eines nur raubt dem Flügelſchlag meiner Seele den höheren Schwung: die
Bekümmernis meiner guten Frau. Sie iſt recht nervös geworden und wird es
täglich immer mehr. Während unſerer 25 jährigen Ehe haben wir nicht ſo viel
erregte Auseinanderſetzungen gehabt, wie ſeit der Begründung der neuen Ordnung.
Die Staatsküchen behagen ihr aug nicht. Das Eſſen, meint der ſei Kaſernen⸗
koſt und keine Hausmannskoſt. Das Fleiſch ſei zu ausgekocht, die Brühe zu
wäſſerig u. ſ. w. Wenn ſie ſcon acht Tage im voraus wiſſe, was ſie jeden Tag
eſſen "oe verliere ſie ſchon davon den Appetit Und dabei hat ſie doch früher
mir ſo oft vorgeklagt, ſie wiſſe bei den teuren Preiſen garnicht mehr, was ſie
kochen ſolle s paßte ihr früher ſtets, wenn einmal Sonntags nicht gekocht
werden brauchte, weil wir einen kleinen Ausflug unternahmen. Nun, Frauen
immer an Speiſen etwas auszuſetzen, die ſie nicht ſelbſt gekocht ha en.
Ich hoffe, daß, wenn fie erſt einmal die Kinder und den Vater in der
Anſtalt beſucht und wohl und munter gefunden hat, auch der Gleichmut ihrer
Seele wieder zurückkehren wird, der ſie früher ſelbſt in den ſchwierigſten Zeiten
unſerer Ehe niemals verlaſſen hat. 7
13. Ein ärgerlicher Zwiſchenfall.
Unſer Reichskanzler iſt nicht mehr fo beliebt wie früher. yo bedaure dies
um ſo aufrichtiger, als es einen eichtigeren, u ncht geb und thätigeren Staats-
, einen zielbewußteren Sozialdemokraten nicht geben kann. Aber freilich,
jeder iſt nicht ſo verſtändig wie ich. Wem irgend etwas in der neuen Ordnun
nicht paßt, wer ſich in ſeinen Erwartungen getäuſcht fühlt, ſchiebt die Schuld auf
unſern Reichskanzler. Ganz beſonders falſch auf den Reichska ler ſind viele
Frauen ſeit dem großen Umzug und der Einrichtung der Staatsküchen. Es ſoll
unter den Frauen wen eine Reaktionspartei in der Bildung begriffen jein.
Meine Frau iſt ſelbſtverſtändlich nicht darunter, ich hoffe, Agnes auch nicht.
Gefliſſentlich hat man auch gegen den Reichskanzler verbreitet er ſei em
Ariſtokrat. Er putze ſich ſeine Stiefel nicht ſelber und laſſe ſich ſeine Kleider
durch einen Diener reinigen, der ihm auch das Eſſen aus der Staatsküche
die er angewieſen iſt, in das Schloß bringen muß. Das wären freilich arge
Berftöge gegen das Gleichheitsprinzip; aber es fragt fih doch, ob es wahr ift
— 19 —
Seng, dieſe Unzufriedenheit, welche offenbar von der Partei der Jungen
Sr zum eat m, iſt öffentlich in einer ſehr häßlichen und tadelnswerten
Bei e zum Ausdruck gelangt. f dem Platz der ehemaligen Schloßfreiheit war
das neue allegoriſche Denkmal zur Verherrlichung der Großthaten der Pariſer
Kommune im Jahre 1871 geſtern enthüllt worden. Seitdem iſt der Platz unaus⸗
eſetzt von vielen Neugierigen bedeckt, welche 1 dieſes großartige Denkmal am
5 er zu Wagen, von einer Spazier⸗
er hörte man Pfeifen, Lärm und Toben. Wahrſcheinlich hatte die berittene
Der Reichskanzler, dem man den verhaltenen Zorn anmerkte, grüß
14. Miniſterkriſis.
Der Reichskanzler hat ſeine Entlaſſung angeboten. Alle Dutgefinnten können
dies nur aufrichtig bedauern, zumal nach den geſtrigen Vorfall. Aber der Reichs-
kanzler ſoll etwas überarbeitet und nervös aufgeregt ſein. Es wäre wirklich kein
Wunder. Denn er hat das Hundertfache zu denken und zu arbeiten von dem⸗
Uingur was früher die Reichskanzler der Sourgeol e zu thun hatten. Der
ndank der Menge hat ihn tief gekränkt. Der Vorfall am Schloßportal war
der letzte Steel welcher das Jaß zum Ueberlaufen brachte.
ie Stiefelwichsfrage hat allerdings die Miniſterkriſis veranlaßt. Es wird
letzt bekannt, das der Reichskanzler ſchon vor längerer Zeit dem Staatsminiſterium eine
ausführliche Druckſchrift überreicht hat, über welche die Beſchlußfaſſung ſtets ausgeſetzt
worden i Nun beſteht der Reichskanzler auf ſofortige Entſcheidung und hat ſeine
Denkſchrift im „Vorwärts“ veröffentlichen laſſen. Die Denkſchrift verlangt, daß
Unterſchiede gemacht werden. Er könne die Dienſtleiſtungen Anderer für ſeine
Perſon nicht entbehren. Der achtſtündige Maximalarbeitstag iſt für den Reichs⸗
kanzler thatſächlich nicht vorhanden, es ſei denn, daß man ſtatt eines Reichskanzlers
drei Reichskanzler einſetzt, welche innerhalb 24 Stunden umſchichtig je 8 Stunden
u regieren hätten. Der Reichskanzler hat, wie er ausführt, an jedem Morgen
ſehr viel Zeit und Arbeitskraft verloren mit dem Reinigen ſeiner Stiefel und ſeiner
Kleidung, mit dem Zimmeraufräumen, dem Frühſtückholen u. ſ. w. Infolge deſſen
u
hätten wichtige Staatsgeſchäfte, welche nur er erledigen könnte, einen Aufſchub
erfahren müſſen. Habe er nicht mit abgeriſſenen Knöpfen vor den Botfchaftern
auswärtiger Mächte esche wollen, ſo hätte er beat — der Kanzler iſt bekannt⸗
lich unverheiratet — ſich alle Kleiderreparaturen beſorgen müſſen, die nicht warten
können die Abholung zu den großen chender Hülleleiſtn des Staates. Solchen
großen den der 0 hätte er bei entſprechender Hülfeleiſtung durch einen Diener
zum Beſten der Geſammtheit erſparen können. das Eſſen in der ihm zuge⸗
wieſenen Staatsküche war läſtig wegen des Andranges von Bittſtellern, welche
dort förmlich auf ihn Jagd machten. Spazierfahrten in den Tiergarten mit feiner
u TE
Di e will der ler nur unternommen haben, wenn es ihm wegen
der Lehm Zeit unmöglich geweſen ſei, auf andere Weiſe Ehelung in der
friſchen Luft zu ſuchen.
Das hört ſich ie Alles ſehr plaufibel an, aber leugnen läßt 100 doch nicht,
daß der Antrag d eichskanzlers das Prinzip der ſozialen Gleichheit verletzt
geeignet ift, mit den Dienſtboten die Hausſklaverei wieder einzuführen. Denn
was der Reichskanzler für ſich verlangt, könnten mit demſelben Recht auch alle
ue n Miniſter und Miniſterialdirektoren, vielleicht ſogar die vortragenden Räte,
die Direktoren großer Staatsanſtalten, Oberbürgermeiſter und Magiſtratsmit⸗
Eren für ſich beanfpruden, Andererſeits ii es auch mißlich, wenn die ganze
taatsmaſchine, auf deren akuraten Gang bei unſeren großen Organiſationen 70
unendlich viel ankommt, ins Stocken gerät, weil der Reichskanzler ſich zunächſt
die Knöpfe annähen oder die Stieſel putzen muß, bevor er eine Audienz erteilen kann.
ier liegt allerdings eine Frage von größerer Tragweite vor, als es auf
den erſten Blick Manchem erſchienen ſein mag. Daß fene ein Ib ausgezeichneter
Reichs ahn über dieſen
anzler und zielbewußter Sozialdemokrat auf ſeiner Lauf
Stein ſtolpern ſoll, will mir noch nicht in den Sinn.
15. Auswanderung.
Die in Folge der Stiefelwichsfrage ausgebrochene Miniſterkriſis dauert
fort. Inzwiſchen it ein ſchon vorher zu Stande gekommenes Geſetz gegen die
unerlaubte Auswanderung erſchienen. Die Sozialdemokratie beruht aut er all»
gemeinen Arbeitspflicht, ebenſo wie die frühere Ordnung in der allgemeinen Mili«-
tärpflicht ihre Stütze fand. So wenig es damals Perſonen im militärpflichtigen
Alter geſtattet war, ohne Erlanbnis auszuwandern, ſo wenig kann dies unſer
Staatsweſen Perſonen in arbeitspflichtigem Alter erlauben. Altersſchwache Leute
und Säuglinge mögen auswandern, aber Perſonen, die ihre Erziehung und Bil⸗
dung dem Staate verdanken, kann die Auswanderung nicht geſtattet werden, ſo
lange ſie noch im arbeitspflichtigen Alter ſtehen.
n der erſten der der neuen Ordnung waren es faſt uur Rentner, welche
mit ihren Familien über die Grenze gingen. Ihre Arbeitskraft war zwar mit in
Rechnung bestelle aber ſolche Rentner, bisher nur an Kuponabſchneiden und Quittung⸗
unterſchreiben gewöhnt, leiſteten thatſächlich fo wenig, daß man auf ihre werte Mite
arbeiterſchaft verzichten konnte. Dafür, daß ſie Geld und Geldeswert nicht über die
Grenze mitnahmen, war ja zur Genüge geſorgt worden. Auch die Auswanderung faſt
aller Maler, Bildhauer und vieler Schriftſteller wäre noch zu verſchmerzen. Den
Herren gefiel die Einrichtung des Großbetriebes nicht. Sie nahmen Anſtand, in
gemeinjomen großen Werkſtätten unter Aufficht für Staatsrechnung zu arbeiten.
aßt fahren nur dahin! Es ſind noch freiwillige Dichter genug vorhanden, welche
in ihren Mußeſtunden zu Ehren der Sozialdemokratie den Pegaſus beſteigen. Von
den Malern und Bildhauern war verlangt worden, daß ſie ihre Kunſtwerke nicht
mehr dem reichen Protzentum zu Füßen legen, ſondern nur der Allgemeinheit
widmen. Das paßt aber dieſen Mammonsknechten nicht. 5
Allerdings hat die Auswanderung der Bildhauer zur Folge, daß die Aufſtellung
vieler Statuen unſerer verſtorbenen Geiſtesheroen Unter den Linden noch nicht er⸗
folgen konnte. Selbſt die Statuen der unvergeßlichen Vorkämpfer Stadthagen und
Liebknecht ſind noch nicht fertig geworden. Für die Ausſchmückung unſerer Ver⸗
ſammlungslokale dagegen ſind Bildwerke in Hülle und Fülle vorhanden aus den
ausgeleerten Feſträumen der Bourgeois. |
Die Herren Schriftſteller, welche alles bekritteln und berufsmäßig Unzufrieden⸗
heit im Volk verbreiten, ſind für ein auf dem Willen der Volksmehrheit beruhendes
Staatsweſen völlig entbehrlich. Schon Liebknecht that den unvergeßlichen Ausſpruch:
Wer ſich dem Willen der Mehrheit nicht beugt und die Disziplin untergräbt, fliegt
hinaus. Gehen dieſe Herren von ſelbſt, deſto beſſer.
TR „ rr
— 21 —
Darum alſo brauchte kein Auswanderungsverbot erlaſſen zu werden. Aber
Befremden mußte es allerdings erregen, daß in ſtets wachſender Zahl auch nützliche
Leute, welche etwas gelernt haben, über die Grenze gehen, nach der Schwe
England und Amerika, wo die Sozialdemokratie noch immer nicht zur Herrſcha
gelangt iſt. Architekten und Ingenieure, Chemiker, Aerzte, auch Lehrer, dazu tüchtige
Betriebsleiter, Modelleure, Techniker wandern ſchaarenweiſe aus. Die Thatſache
erklärt ſich aus einem bedauerlichen Geiſteshochmut. Dieſe Leute bilden ſich ein,
etwas Beſſeres zu ſein, und können es nicht ertragen, daß ſie gleichen Lohn mit
dem einfachen ehrlichen Arbeiter erhalten. Aber ſchon Bebel ſchrieb mit Recht:
„Was immer einer iſt, das hat die Geſellſchaft aus ihm gemacht. Die Ideen find
ein Produkt, das durch den Zeitgeiſt im Kopf des einzelnen erzeugt wird.“ Freilich
der Zeitgeiſt war in der früheren Geſellſchaft lange in die Irre gegangen. Daher
folder Größenwahn. | ö ö
Aber tft erft die Jugend in unſeren ſozialdemokratiſchen Erziehungsanſtalten
herangebildet und hat ſich dort von einem edeln Ehrgeiz durchdringen laſſen, alle
Kräfte dem Gemeinweſen zu widmen, ſo werden wir auch jene Ariſtokraten miſſen
können. Bis dahin aber iſt es ihre verdammte Pflicht und Schuldigkeit, in Deutſch⸗
land zu bleiben. N
Man kann es daher nur billigen, daß das Auswanderungsverbot mit Strenge
gehandhabt wird. Dazu iſt eine ſcharfe Beſetzung der Grenzen, namentlich der
Seeküſten und der Landgrenzen gegen die Schweiz erforderlich. Das ſtehende
Heer wird dazu weiterhin um viele Bataillone Infanterie und Eskadrons Kavallerie
vermehrt werden. Die Grenzpakrouillen find angewieſen, gegen Flüchtige von der
Schußwaffe rückſichtslos Gebrauch zu machen. — Möge unſer ſchneidiger Reichs⸗
kanzler uns noch lange erhalten bleiben. ’
" 16. Kanzkerwechſel. |
Mein heißer Wunſch iſt nicht in Erfüllung gegangen. Der Kanzler iſt aus
dem Amt geſchieden und der bisherige Reichstagspräſident zu ſeinem Nachfolger
gewählt. Das Staatsminiſterium, welches auch eine teilweiſe Erneuerung erfuhr,
hat in ſeiner Geſamtheit ſich nicht entſchließen können, dem Reichskanzler eine Diener⸗
ſchaft. zu feiner perſönlichen Bequemlichkeit in feinem Privatleben auf eigene Ver⸗
antwortung zur Verfügung zu ſtellen, weil die Folgen einer ſolchen Verletzung der
ſozialen Gleichheit unabſehbar ſein würden. Wie leicht kann der ganze ſoziale Ban
wieder zuſammenſtürzen, wenn in ſeiner folgerechten Gliederung auch nur ein einziger
Stein gelockert wird. Schon Bebel ſchrieb in ſeinen Betrachtungen über dieſe
Stiefelwichsfrage: „Arbeit ſchändet nicht, auch wenn fie im Stiefelputzen beitebt. -
Das hat ſogar ſchon mancher altadlige Offizier in Amerika kennen gelernt.“ Die
Regierung war allerdings geneigt, den von Bebel gegebenen Fingerzeig zur Löſung
dieſer Schwierigkeiten zu beachten und eine erhöhte Aufmerkſamkeit der Frage zuzu⸗
wenden, wie das Stiefelwichſen und Kleiderreinigen durch Maſchinen ausgeführt
werden könne. Aber auf dieſe Ausſicht der Bedienung durch Maſchinen wollte ſich
der Reichskanzler nicht einlaſſen. | '
So iſt er denn gegangen. Sein vom geſetzgebenden Ausſchuß gewählter
Nachfolger gilt als eine weniger ſchneidige, und mehr vermittelnde Natur, als ein
Mann, der es nach keiner Seite gern verderben, und möglichſt allen Wünſchen
gerecht werden will.
In etwas gar zu demonſtrativer Weiſe erſchien der Nachſolger des Reichl⸗
kanzlers heute in der Küche ſeines Bezirks, ſpeiſte in der Reihenfolge ſeiner Nummer
und ſpazierte zu Fuß Unter den Linden, ein großes Packet mit Kleidungsſtücken
unter dem Arp, welches er in die Reparaturanſtalt des Stadtteils zum Reinigen
und Ansbeſſern überbrachte.
2
17. Aus den Werkflätten.
Ich bin froh, heute den Kontrolleurpoſten, welchen mir mein Freund in
der Magiſtratsdeputation ſchon lange verſprochen, erhalten zu haben. Ich brauche
alſo nicht länger als Buchbinder in der Werkſtatt thätig zu ſein. Wenn doch mein
Franz in Leipzig auch loskommen könnte von ſeinem Setzerpult. Nicht daß wir
unſere Berufsarbeit verachteten, aber es geht meinem Sohn wie mir. Die Art,
wie es in den Werkſtätten jetzt zugeht, paßt uns ganz und gar. nicht. Man arbeitet
doch nicht bloß um das bischen Leben. Schiller war zwar auch ein Bourge ois,
aber gefallen hat mir immer ſein Spruch:
Das iſt es, was den Menſchen zieret,
Und dazu ward ihm der Verſtand,
Daß er im innern Herzen ſpüret,
' Was er erſchafft mit feiner Hand.
Leider Ipüren unſere Kollegen in der Werkſtatt kaum davon noch etwas. Man
ſollte faſt meinen, die Werkſtätten ſeien jetzt nur Lokale, um die Zeit totzuſchlagen.
Die Parole lautet: Immer langſam voran, damit der Nebenmann mitkommen kann.
Akkordarbeit giebt es nicht mehr. Sie vertrug ſich allerdings nicht mit der ſozialen
Gleichheit der Löhne und der Arbeitszeit. Aber bei dem „gewiſſen Gelde“, jo
ſchreibt Franz, heißt es jetzt: Rommt die Arbeit heute nicht, jo kommt fie morgen
zu Stande. Fleiß und Eifer gilt für Dummheit und Bornirtheit. Wozu auch?
Der Fleißige bringt es ja auch nicht weiter im Leben als der Träge. Man iſt
ſelbſt nicht mehr ſeines Glückes Schmied, ſondern wird angeſchmiedet, wo es andern
gerade paßt. — Alſo mein Franz. Diesmal hat er weniger Unrecht als ſonſt.
Es iſt nicht zu beſchreiben, wie viel jetzt an Material und Gerätſchaften durch
Unaufmerkſamkeit und Nachläſſigkeit verdorben wird. Ich weiß nicht, was ich ge»
than hätte, wenn ich mich als Meiſter früher mit ſolchen Geſellen, wie ſie jetzt
neben mir arbeiten, hätte herumplagen ſollen. Als es einmal wieder gar zu arg
war, riß mir doch der Geduldsfaden und ich hielt eine Standrede, die nicht ſchlecht war.
Kollegen, die Geſellſchaft erwartet, daß jedermann ſeine Schuldigkeit thut! Wir haben
jetzt nur acht Stunden zu arbeiten. Ihr ſeid alte Sozialdemokraten. Unſer Bebel hoffte einſt,
eine „moraliſche Atmoſphäre“ werde in der neuen Ordnung jeden anregen, es dem andern
zuvorzuthun. Bedenkt, Genoſſen, wir arbeiten nicht mehr für Ausbeuter und Kapitaliſten,
landen für die Geſellſchaft. Alles kommt durch die Geſellſchaft jedem von uns wieder
zu gu N
Schön gepredigt, ſo höhnte man mich; ſchade, daß wir keinen Paſtor mehr
brauchen. Bebel hat uns einen vierſtündigen Arbeitstag verſprochen und nicht einen
achtſtündigen. Die Geſellſchaft iſt groß. Soll ich mich für die 50 Millionen Geſell⸗
ſchaft plagen und ſchinden, während die übrigen 49 999 999 nicht ſolche Narren find?
Was kaufe ich mir für das 1 /50000000, wenn ich es wirklich aus dem Mehrertrag
meiner Arbeit zurüdbeläme?
| Dann fangen fie im Chor: Wenn dir die Geſellſchaft nicht mehr paßt, ſuch'
dir eine andere, wenn du eine haſt.
Seitdem habe ich natürlich keinen Ton mehr geredet. Franz iſt es leider ähnlich
ergan gen. Die Zeitung dort wird ſelten zur richtigen Stunde fertig, obwohl um
die Hälfte Setzer mehr als früher an einem Bogen arbeiten. Je ſpäter der Abend.
deſto mehr Fäßchen Bier find während der Arbeit ſchon vertrunken, und deſte
zahl reicher werden die Druckfehler. |
Als Franz neulich den erkrankten Metteur vertrat und um etwas mehr Ruhe
in der Werkſtatt höflichſt bat, ſtimmte das ganze Perſonal die Marſeillaiſe an unter
beſon ders ſtarker Betonung der Worte: Nieder mit der Tyrannei! .
Meiſter und Vorarbeiter giebt es ja wie früher in den Werkftätten, aber fie
werden von den Arbeitern gewählt und wieder abgeſetzt, wenn ſie den Untergebenen
nicht mehr genehm find. Sie dürfen es daher mit den Tonangebern und mit der
Mehrheit nicht verderben. Der einzelne, der wie Franz und ich ſolche Zucht nicht
»
— 23 —
9
mitmacht, iſt ſchlimm darag. Ihn malträtiren bald die Kollegen, bald die Meiſter.
Und dabei kann man jo wenig aus ſolcher Werkſtatt heraus, wie der Soldat aus
der Korporalichaft, in der ihn ſein Unteroffizier mißhandelt. 6
Der frühere Reichskanzler hat das wohl begriffen, aber er hat es nicht ändern
können. Das unter feiner Mitwirkung erlaſſene Strafgeſetz gegen Verletzung der
Arbeitspflicht tft in jeder Werkſtatt angeſchlagen, ſoweit es nicht abgeriſſen iſt. Darin
iſt für Trägheit, Unachtſamkeit, Jahrläſſigkeit, Unfolgſamkeit, Ungebühr gegen Vor⸗
geſetzte ein ganzes Regiſter von Strafen angedroht. Die Entziehung der Geld⸗
certifikate, der Fleiſchportionen, ſogar der ganzen Mittagsmahlzeit, ſelbſt Einſperrung
um Arbeitshauſe. Aber wo kein Klüger iſt, iſt kein Richter.
Die Direktoren der Werkſtätten werden ebenfalls gewählt wie die Meiſter
und dürfen es daher auch nicht mit ihren Wählern verderben. Die Aburteilung
in Prozeßweg auf Grund des Strafgeſetzes iſt umſtändlich. Es find allerdings
neulich einige Maurer aus dem Publikum denunzirt worden, weil fie gar zu lange
Pauſen machten und ſich die einzelnen Steine bei der Arbeit gar zu genau be⸗
ſahen. Einmal iſt von oben herunter das Perſonal einer ganzen Werkſtatt an
einen andern Ort verſetzt worden. In der Regel aber erfolgen Verſetzungen nur
aus politiſchen Gründen. Deshalb verlangt auch die Partei der Jungen jetzt, daß
die Unverſetzbarkeit der Richter auch für alle Arbeiter eingeführt werden ſoll.
Indeſſen auch die Verſetzung hilft nicht überall. Jeder findet ja — das
verlangt die ſoziale Gleichheit — auch in jedem andern Ort denſelben Lohn, dieſelbe
Nahrung und Wohnung wieder, welche er verlaſſen hat. Für manche jugendlichen
Radaumacher iſt der Ortswechſel eine angenehme Abwechſelung.. Nur die Alten,
welche ſich nicht gern von ihren Frouen und Kindern am Ort trennen, leiden darunter.
Diooch auch Nom tft nicht an einem einzigen Tage erbaut worden. Dieſer
»@eift der Selbſtſucht in den Werkſtäkten, was iſt er anders als die böſe Hinter⸗
laſſenſchaft einer Geſellſchaft, in welcher jeder den andern zu übervorteilen ſuchte.
Unſere neuen Schulen und Erziehungsanſtalten werden bald diejenige „moraliſche
Atmoſphäre“ ſchaffen, in der der Baum der Sozialdemokratie ein fröhliches, die
geſamte Menſchheit überſchattendes. und beglückendes Gedeihen findet.
18. Jamilienſorgen.
Das war ein Sonntag nicht wie ehedem. Endlich war es meiner Frau heute
Nachmittag vergönnt geweſen, Annie zu beſuchen. Die Ordnung in den en An⸗
ſtalten geſtattet den Eltern nur Beſuche in einer gewiſſen Reihenfolg e hatte
ſich meine Frau das Wiederſehen mit dem Kinde ausgemalt! Näſchereien und
allerlei Spielzeug, wie es Annie ſtets liebte, wurden ſorgfältig eingepackt und mit⸗
genommen. Aber zu ihrem großen Schmerz mußte Mutter die Sachen am Eingang
zurücklaſſen. Beſonderes Spielzeug dürften einzelne Kinder nicht haben, ſolches
Bertrage ſich nicht mit der Erziehung im Sinne der jozialen Gleichheit. Mit Kuchen
ſei es nicht anders. Das gebe nur Veranlaſſung zu Zank und Streit und ſtöre die
regelmäßige Ordnung und Ernährung in der Anſtalt. Meine Frau hatte von
dieſer neuen Verfügung noch keine Kenntnis, da fie in ihrer Anſtalt neuerlich in
der Küche und nicht bei den Kindern thätig ii. |
Auch die Freude des Wiederſehens hatte ſich meine gute Frau von Seiten
Annies ſtürmiſcher, lebhafter und zärtlicher vorgeſtellt. Das Kind war in der neuen
Umgebung zur Mutter weniger zutraulich als ſonſt. Allzu lange freilich hat die
Trennung noch nicht beſtanden. Aber bei kleinen Kindern heißt es nun einmal:
Aus den Augen, aus dem Sinn. Dazu war bei Annie unglücklicherweiſe der Ge⸗
danke an das Wiederſehen der Mutter ſtets mit der Vorſtellung des Mitbringeus
von Süßigkeiten und. Spielſuchen verknüpft worden. Nun kam meine Frau mit
leeren Händen zu dem Rinde. Zur Fortſetzung des Spiels mit den andern Kleinen
gg es Annie mindeſtens ebenſe hin, wie zu den Liebkoſungen der Mutter.
Meine Frau fand Annie etwas blaß ausſehend und veründert. Vielleicht bat
4
— 22 —
wur die veränderte Lebensweiſe und die andere Ernährungsweiſe daran ſchuld.
Strenge Ordnung herrſcht in der Anſtalt. Aber es geht” wie es überall in unſern
ut at der Fall ſein ſoll, noch etwas knapp zu, und der Großbetrieb geſtattet
keine allzu ſorgſame Behandlung des Einzelnen. Indeß das Ausſehen der Kinder
weründert ſich ja oft ſehr raſch. Wäre Annie noch bei uns, fo würde es die erfahrene
Mutter nicht beunruhigen. In der Abweſenheit iſt es frellich anders. Da malt ſich
die Mutter leicht eine entſtehende Krankheit aus, der ſie nicht entgegenwirken kann.
In beſondere Erregung verſetzte meine Frau noch ein Geſpräch mit einer
Kindergärtnerin der Anſtalt. Dieſelbe ſchnitt die Klagen meiner Frau über die
Trennung der kleinen Kinder von den Eltern barſch mit den Worten ab: Solchen
Jammer hören wir nun alle Tage hier. Sogar das unvernünftige Vieh verwindet
es bald, wenn man ihm ſein Junges nimmt. Wie viel leichter ſollten ſich Frauen
darin finden, die zu den denkenden Weſen gehören. -
Meine Frau wollte ſich über die Rohheit dieſer Dame bei der Direktion
beſchweren. Ich riet ihr ab, weil die Perſon es dann Annie entgelten laſſen würde.
Die Dame hat nie ein Kind gehabt und kann auch jetzt keinen Mann bekommen,
obgleich ſie von der neuen Gleichberechtigung der Frauen wiederholt dahin Gebrauch
gemacht haben ſoll, ihrerſeits Heiratsanträge zu ſtellen.
Meine Frau war von dem weiten Weg von der Anſtalt noch nicht zurück⸗
hrt, als Großvater ankam. Der alte Mann hatte ſich mühſam die ſteilen
nkeln Treppen zu unſerer neuen Wohnung heraufgefunden. Es war mir doch
lieb, daß meine Frau nicht anweſend war, denn ihres Vaters Klagen hätten ihr
das Herz noch ſchwerer gemacht.
Es waren ja freilich nur Aeußerlichkeiten und Nebendinge über die er klagte.
Aber alte Leute hängen nun einmal an ſolchen kleinen Gewohnheiten, wie ſie hier
etwas rauh durchbrochen worden find. Auch mit der Geſundheit, jo meinte,
Großvater, gehe es ihm ſchlechter. Hier und dort ſchmerzt, zwickt und ſticht es
ihn. Aeußerlich nahm ich keine Veränderung wahr, aber Großvater hat jetzt mehr
Zeit, über fich ſelbſt nachzudenken, als früher, wo ihn in unſerem Familienkreiſe
bald dies, bald jenes abzog. Gern war er auch früher bei mir in der Werkſtatt
und ſuchte ſich nützlich zu machen. Was er arbeitete, wollte ja nicht viel bedeuten,
aber es beſchäftigte ihn doch. Für alte Leute iſt das Nichtsthun keine Wohlthat,
denn eine auch noch ſo leichte Arbeit erhält ihr Lebensintereſſe aufrecht, verknüpft
fie mit der Gegenwart, bewahrt fie vor raſchem körperlichen und geiſtigen Verfall
Ich konnte den alten Mann, der ſich in unſerer kleinen Wohnung über
die fehlenden alten Möbel ſehr erregt zeigte, nicht allein in ſeine Anſtalt zurück⸗
gehen laſſen. »
Unglücklicherweiſe hat, während ich Großvater begleitete und meine Frau
noch nicht zurückgekehrt war, unſer Ernſt uns beſuchen wollen. Er iſt vor die
verſchloſſene Thür gekommen. Wie er einem Nachbarsſohn und früheren Geſpiel
erzählte, hat ihn unbezwingliches Heimweh während einer freien Stunde zum Beſuch
der Eltern getrieben. Er kann auch jetzt noch ganz und gar nicht in die Anſtalt
ſich ſchicken. Das ewige Leſen, Schreiben und Auswendiglernen, kurzum das
Studiren, gefällt ihm nun einmal nicht. Er will Handwerker werden und nur
lernen, was darauf Bezug hat. Ich bin überzeugt, er würde auch ein tüchtiger
Handwerker werden. Unſer Unterrichtsminiſter aber iſt mit' Bebel der Anſicht, daß
alle Menſchen mit dem nahezu gleichen Verſtande geboren werden. und deshalb
fol allen, bis mit dem 18. Lebensjahr die Fachbildung beginnt, eine gleichmäßige
eiſtige Ausbildung zu Teil werden als notwendige Grundlage für die ſpätere
ziale Gleichheit.
19. Bolksbeluftigungen.
Auf allen öffentli lägen Berlins finden jetzt Muſika 8
Der — Reichstaler Lerſeht cb ans dem Grunde, sich bellt in Wochen ve
jedem Theater find täglich zwei unentgeltliche Vorſtellungen, Sonntags deren drei.
Natürlich find auch die von den Bourgeois dem arbeitenden Volk hinterlaſſenen
Theater viel zu beſchränkt. Andere größere Verſammlungslokale find deshalb zur
Beranftaltung von Volksbeluſtigungen hinzugenommen worden, 4 B. Kirchen. An
letzteren ſtößt ſich allerdings noch dieſer und jener, der von den anerzogenen Vor⸗
urteilen ſich nicht loszulöſen vermag. Grund und Boden der Kirchen aber iſt
Gemeingut geworden und Gemeingut darf laut Staatsgrundgeſetz, wie es ſchon
durch den Erfurter Parteitag im Ottober 1891 vorgeſchrieben war, nicht zu
kirchlichen und religiöſen Zwecken verwendet werden. ö
Zur Aufführung gelangen in allen Theatern natürlich nur Stücke, welche
die neue Ordnung verherrlichen und die Niederträchtigkeit der früheren Ausbeuter
und Kapitaliſten in lebendige Erinnerung zurückrufen. Das iſt zwar auf die Dauer
etwas einförmig, aber es ſtärkt doch die Geſinnungstüchtigkeit, was hier und da
allerdings recht notwendig iſt.
Anfangs war jedem freigeſtellt, wo und wie er ein Theater beſuchen wollte.
Indeß iſt die wilde Konkurrenz auch hier durch zielbewußte Organiſation der Volks⸗
beluſtigungen erſetzt worden. Aufführungen klaſſiſcher ſozialdemokratiſcher Stücke
fanden vor leeren Bänken ſtatt, während in Spezialitätentheatern kein Apfel zur
Erbe fallen konnte. Faſt ſchlug man ſich dort um die beſſeren Plätze. Jetzt
verteilt der Magiſtrat die Vorſtellungen in einer gewiſſen Reihenfolge auf die
einzelnen Stadtteile und Straßen. Die Theaterdirektoren aber verloſen die
einzelnen Plätze unter das ihnen für die betreffende Vorſtellung zugewieſene Publikum,
wie es ſchon 1889 die ſozialdemokratiſche Freie Volksbühne in Berlin eingeführt hat.
Aber Glück in der Liebe, Unglück im Spiel! Dieſe Erfahrung haben wir
auch hierbei gemacht. Meine Frau und ich haben jetzt breimal hintereinander ſo
ſchlechte Plätze erloſt, daß meine Frau nichts hören und ich nichts ſehen konnte.
Sie iſt nämlich etwas ſchwerhörig, während ich kurzſichtig bin. Beides verträgt
ſich im Theater nicht recht mit der ſozialen Gleichheit.
Auch zahlreiche öffentliche Tanzbeluſtigungen finden auf Veranſtaltung des
Magiſtrats allabendlich ſtatt. Der Zutritt hierzu regelt ſich in derſelben Weiſe
wie bei den Theatervorſtellungen. Jung und Alt iſt gleichmäßig berechtigt, zu
erſcheinen. Die Reform der Tanzordnung bok vom ſozialiſtiſchen Standpunkt einige
Schwierigkeiten. Die Gleichberechtigung der Frau kommt jetzt zum Ausdruck da⸗
durch, daß Damentouren fortwährend mit den Herrentouren abwechſeln. Allerdings
ſagt Bebel: Die Frau freit und läßt ſich freien. Aber der Verſuch, unter ſinn⸗
gemäßer Anwendung dieſes Grundſatzes beiden Geſchlechtern bei jedem Tanz die
Aufforderung zu geſtatten, mußte bald aufgegeben werden, weil dadurch die Tanz⸗
ordnung ſich in eine etwas tumultuariſche Verwirrung aufzulöſen drohte.
Der „Vorwärts“ enthielt eine Reihe von intereſſanten Eingeſandts, welche
ebenſo gründlich wie jcharfiinnig die Frage erörtern, ob es in der ſozialifirten
Geſellſchaft beim Tanzen auch ein Recht auf Herren bezw. für die Herren ein Recht
auf Damen gebe. Aus der gleichen Arbeitspflicht, fo ſchrieb eine Dame im „Vor⸗
wärts“, folgt ein Recht auf gleichen Lohn. Zum Lohn für die Arbeit gehört auch
das von Staatswegen organiſtrte Tanzvergnügen. Ein regelrechtes Tanzvergnügen
iſt für eine Dame nur denkbar mit einem Herrn, und daß es für die Herren kein
Vergnügen ohne Damen giebt, ſei noch ſelbſtverſtändlicher. |
Von Seiten der ehrwürdigen Einſenderin wurde deshalb im „Vorwärts“ der
praktiſche Vorſchlag gemacht, für jedes Tanzvergnügen Herren und Damen durch
das Los unter voller Wahrung der ſozialen Gleichheit von Jung und Alt, Hübſch
und Häßlich einander zuzuteilen. Ebenſo wie es in der ſozialiſirten Geſellſchaft
keine Arbeitsloſen und keine Obdachloſen giebt, dürfe es auch keine herrenloſe Damen
bei Tanzvergnügungen mehr geben.
Indeß legte in einem neuen Eingeſandt ein Profeſſor des modernen Natur
rechts dar, daß aus einer ſolchen Organiſirung der Tanzverbindungen zuletzt bebenk⸗
liche Schlußfolgerungen gezogen werden könnten auch auf die Anerkennung eines
Rechts auf Eheſchließungen bezw. auf eine ſtaatliche Regelung der Eheſchließungen
durch eine allgemeine Berloſung von Damen und Herren. Aber ebenſo wie die Ehe
ein Privatvertrag ſei ohne Dazwiſchenkunft irgend eines Funktionärs, müſſe auch
einer momentanen Tanzverbindung von Mann und Frau der Charakter eines Privat⸗
dertrages gewahrt bleiben, und dürften deshalb auch Tanzordner ſich nicht in die
Engagementsverhältniſſe, weder durch Verloſung noch ſonſtwie, einmiſchen.
Es ſoll in der That eine erhebliche Anzahl von Damen der Anſicht ſein, die
ſoziale Gleichheit bedinge auch die Aufhebung der Unterſchiede von Verheirateten
und Unverheirateten. Dieſe Damen haben ſich neuerlich der Partei der Jungen an⸗
eſchloſſen, obwohl ſie ſelbſt zumeiſt ſchon in etwas reiferem Lebensalter ſtehen.
mmerhin iſt nach der Ausdehnung des Wahlrechts auf weibliche Perſonen auch
dadurch die Oppoſition für die nächſten Reichstagswahlen nicht unerheblich verſtärkt
worden.
Der neue Reichskanzler hat auch die Vorbereitung allgemeiner Neuwahlen
um Reichstag eingeleitet. Die Fülle von Anforderungen an die Staatsleitung, welche
ie erſten Einrichtungen des ſozialdemokratiſchen Staates mit ſich brachten, geſtatteten
nicht früher die Vornahme von Wahlen. Das aktive und paſſive Wahlrecht ſtebt
allen Perſonen ohne Unterſchied des Geſchlechts zu, welche das 20. Lebensjahr zurück⸗
gelegt haben. Nach den Beſchlüſſen des Erfurter Parteitages aus dem Oktober 1891
gilt fortan das Proportionalwahlſyſtem, d. h. es werden ſehr große Wahlkreiſe ge⸗
bildet mit mehreren Abgeordneten und jeder Partei wird eine ihrer Stimmenzahl
entſprechende Zahl von Abgeordneten für den Reichstag zugetheilt.
20. Heble Erfahrungen. 0
Frau und Schwiegertochter ſitzen bis tief in die Nacht hinein, um heimlich zu
ſchneidern. Es gilt einem neuen Anzuge für Agnes.
Als Kontroleur müßte ich eigentlich beide zur ſtrafrechtlichen Verfolgung an⸗
zeigen wegen Ueberproduktion durch Ueberſchreiten des Maximalarbeitstages. Indeß
gehören beide nicht zu den 50 Perſonen, welche mir als Kontrollſektion unterſtellt ſind.
Die beiden Frauensleute ſind diesmal noch redſeliger als ſonſt bei ſolchen
Schneiderarbeiten. Verſtehe ich es recht, ſo haben ſie in den Verkaufsmagazinen
nicht Yefunden, was fie ſuchten, und machen nun aus andern Kleidern etwas zu⸗
recht. Beide ſchelten um die Wette über die neuen Verkaufsmagazine. Schaufenſter,
Reklamen, Verſendung von Preisliſten, Alles hat aufgehört. Man weiß gar nicht
mehr Beſcheid, ſo klagen ſie, was es an neuen Sachen zu kaufen giebt und wie die
Preiſe ſich ſtellen. Die vom Staat angeſtellten Verkäufer ſind ſo kurz angebunden,
wie die Beamten am Eiſenbahnſchalter. Die Konkurrenz der Läden unter einander
dat natürlich aufgehört. Jeder iſt für beſtimmte Bedürfniſſe auf ein beſtimmtes
Verkaufsmagazin angewieſen. So verlangt es die Organiſation von Produktion
und Konſumtion.
Ob man was kauft, iſt natürlich dem Verkäufer völlig gleichgiltig. Mancher
Verkäufer ſchaut ſchon mürriſch drein, wenn die Ladenthür aufgeht und der Ver⸗
käufer dadurch vielleicht in einer intereſſanten Lektüre oder Unterhaltung unter⸗
brochen wird. Je mehr man zur Auswahl vorgelegt verlangt, je mehr man Aus⸗
kunft wünſcht über Beſchaffenheit und Dauerhaftigkeit des Stoffes, deſto verdroſſener
zeigt ſich der Verkäufer. Ehe er aus einem andern Raum des Magazins das Ver⸗
langte hervorholt, leugnet er lieber das Vorhan denſein eines Vorrates von dem
Gewünſchten. , |
Verlangt man fertige Kleider — das Kleidermachen außerhalb des Martmal-
arbeitstages iſt auch für den eigenen Gebrauch unterſagt — ſo iſt man erſt recht
übel daran. Es geht beim Anprobieren zu, wie bei Rekruten in der Montirungs⸗
kammer. Die ausgeſuchte Nummer ſoll durchaus zu dem Körper paſſen. it etwas
auf Beſtellung gearbeitet und erweiſt ſich beim Anprobiren hier zu eng, dort zu
— 27 _
weit, fo bedarf es großer Beredſamkeit, den Verkäufer hiervon zu überzeugen. Oe⸗
lingt das uicht, ſo muß man entweder den Anzug nehmen, fo wie er guögefallen
iſt, oder gegen die betreffende Staatsbehörde Prozeß führen.
Prozeß führen tft allerdings jetzt ſehr billig. Wie ſchon der Erfurter Partei⸗
tag im Ottober 1891 dekretirt hat, tft die Rechtspflege und Rechtshilfe unentgeltlich.
Die Zahl der Richter und Rechtsanwälte hat in Folge deſſen gegen früher verzehn⸗
facht werden müfjen. Aber dies reicht noch immer nicht, da die Klagen über Mängel
und Fehler der in den Staatswerkſtätten gelieferten Waren, über ſchlechte Be⸗
ſchaffenheit der Wohnungen und des Eſſens, über Ungehörigkeiten der Verkäufer
und ſonſtiger Bedienſteten ſo zahlreich ſind, wie Sand am Meere.
Auch in achtſtündigen Sitzungen vermögen die Gerichte den Terminkalender
nicht inne zu halten, obwohl die Rechtsanwälte nichts weniger, als darauf aus find,
Prozeſſe zu verſchleppen. Im Gegenteil, man klagt darüber, daß ſie nach Aufhebung
der Gebühren und ſeit ihrer Anſtellung als Staatsbeamte ihre Klienten kaum an⸗
hören und Alleß möglichſt ſummariſch und im Ramſch abzumachen ſuchen. Viele,
die nicht im Prozeßführen eine Art von anregender Unterhaltung ſuchen, nehmen
daber trotz der unentgeltlichen Rechtspflege und Rechtshilfe lieber jedes Unrecht ge⸗
duldig hin, um ſich Laufereien, Zeitverluſt und Berger zu eripuren.
et and iſt es, wie die Eigentumsvergehen zunehmen, trotzdem Gold und
Silber verſchwunden iſt. In meiner Eigenſchaft als Kontroleur gewahre ich jetzt
hinter den Kuliſſen ſo Manches, was ſich bisher meinen Blicken entzog. Die Zahl
der Unterſchlagungen hat ſich gegen früher verſiebenfacht. Angeſtellte jeder Art ver⸗
abfolgen gegen irgend eine private Zuwendung oder Dienſtleiſtung zum Nachteil des
Staates Waren, oder üben den ihnen berufsmäßig obliegenden Dienſt aus, ohne in
dem Geldcertifikat des Empfängers in vorgeſchriebener Weile einen dem Wert ent»
ſprechenden Kupon loszutrennen und zur Buchhalterei abzuführen. Durch unrichtiges
Maß oder durch Verfälſchung der Ware beim Verkauf ſucht man das Fehlende, was
nicht durch Lentſprechende Kupons nachgewieſen werden kann, wieder auszugleichen.
Auch Diebſtähle von Geldeertifikaten kommen vielfach vor.. Die aufgedruckten
Photographien haben im Maſſenverkehr die Benutzung der Geldcertifikate durch
dritte Perſonen nicht zu verhindern vermocht. Das Zuſichern und Gewähren von
Geſchenken aller Art an Perſonen, welche durch Anſtellungen und Vergebung be»
quemer Arbeit und dergleichen Einfluß ausüben, greift bis in die höchſten Beamten⸗
kreiſe hinauf Platz. In jeder Konferenz mit unſetm Oberkontroleur wird im
Intereſſe der Kontrole auf neue Praktiken ſolcher Art aufmerkſam gemacht.
Bisher hatte ich mich ſtets auf Beſſerung vertröſtet nuch Ueberwindung der
Uebergangsverhältniſſe. Aber ich kann es mir nicht verhehlen, die Dinge geſtalten
ſich zuſehends immer ſchlechter. Einer meiner Kollegen wollte ſich dies heute, wie
folgt, erklären. Seitdem die Leute nicht mehr im Stande find, durch perſönliche
Anſtrengung in geſetzlicher Weiſe ſich eine Beſſerung ihrer Lebensverhältniſſe über
das vorgeſchriebene gleiche Maß hinaus zu verſchaffen, geht ihr ganzes Dichten und
Trachten dahin, in ungeſetzlicher Weiſe ſich dasjenige zu verſchaffen, was ihnen ſonſt
unerreichbar iſt
| 21. Die Flucht.
Schreckliche Tage haben wir erlebt. Am Sonntag früh kam Franz plötzlich
an auf der Durchreiſe nach Stettin, wohin er, wie er angab, verſetzt worden ſei.
Meine Frau zeigte ſich über die Ankunft garnicht verwundert, deſto aufgeregter war
fie bet feiner Abreiſe“ Sie ſchluchzte laut auf, hing an feinem Halſe und konnte
ſich garnicht von ihrem Sohne trennen. Auch Franz verabſchiedete ſich von mir, als
gelte es einen Abſchied auf Nimmerwiederſehen. Agnes, Franzens Braut, habe ich
nicht geſehen. Beide wollten au dem Stettiner Bahnhof zuſammentreffen.
Mittwoch las ich meiner Frau aus dem „Vorwärts“ mit gleichgiltiger Stimme
eine Nachricht vor, daß an der Seeküſte wieder flüchtige Auswanderer von den
2
Grenzpatronillen niedergeſchoſſen find, meine Frau ruft entſetzt aus: „Wo denn?“
Als ich ihr antwortete: „Auf der Rhede von Saßnitz“, fiel fie ohnmächtig zurück
Mit Mühe gelang es mir, ſie allmählich wieder zum Bewußtſein zu bringen. In
abgeriſſenen Worten erzählte fie mir, daß Franz und Agnes am Sonntag. zuſammen
abgereiſt find, und nicht nach Stettin, ſondern nuch Saßnitz auf Rügen, um von
dort aus Deutſchland zu verlaſſen. In dem Zeitungsartikel war noch näher aus⸗
führt, daß flüchtige Auswanderer Widerſtand geleiſtet hätten, als das von Stettin
mmende däniſche Poſtſchiff beim Anlegen in Saßnitz von der Grenzwache viſitirt wurde,
und die flüchtigen Auswanderer mit Gewalt auf's Land zurückgeführt werden ſollten.
Furchtbare Stunden, geteilt zwiſchen Kummer und Angſt, brachten wir zu,
bis eine neue Nummer des „Vorwärts“ die Namen der Getöteten und Verhafteten
veröffentlichte und ſich Franz und Agnes nicht auf dieſer Lifte befanden. Aber
was war aus ihnen geworden?
N Meine Frau geſtand mir nun ein, was alles vorhergegangen war. Franz
hatte ſchon vor ſeiner Abreiſe nach Berlin bei der letzten Gebyrtstagsfeier von
Mutter dieſer ſeine feſte Abſicht mitgeteilt, Deutſchland, deſſen Zuſtände ihm uner⸗
träglich ſeien, ſobald wie möglich zu verlaſſen. Er bat ſeine Mutter inſtändigſt, mir,
von deſſen geſetzlichem Sinn er Widerſtand befürchtete, keine Silbe darüber mitzuteilen.
Vergeblich hat meine Frau ihm die Sache auszureden verſucht, er blieb bei ſeinem
Entſchluß, und das Mutterherz konnte den Vorſtellungen des Sohnes nicht mehr
widerſtehen. Aus früherer Zeit hatte ſich meine Frau eine Anzahl Goldſtücke erſpart
und auch vor mir verborgen gehalten. Dieſes Geld übergab ſie Franz zur Beſtreitung
: ber Ueberfahrtskoſten auf einem ausländiſchen Schiff.
Damals widerſtrebte noch Agnes. Sie war bereit, wenn es ſein mußte, Franz
bis an das Ende der Welt zu folgen, wie ſie ſagte, aber ſie vermochte die Not⸗
wendigkeit, ſich von allen anderen Lieben hier zu trennen, noch nicht einzuſehen.
Bald aber geſtalteten ſich ihre eigenen Verhältniſſe, was ich alles jetzt grit erfahre,
immer widerwärtiger.
Still und ſittſam hatte das junge Mädchen für ſich in der elterlichen Wohnung
Putzarbeiten hergeſtellt und an ein großes Geſchäft abgeliefert. Nun aber mußte
Agnes in einer großen Näherei arbeiten und in einem großen gemeinſchaftlichen
Arbeitsſaale mit Frauensperſonen von teilweiſe recht leichten Sitten tagsüber
zuſammen ſein. Ihre keuſche, Jungfräulichkeit empörte ſich über die Art mancher
Geſpräche und über die Umgangsformen gegenüber den männlichen Betriebsleitern
Klagen und Beſchwerden machten die Sache nur noch ſchlimmer. Bei ihrer hübſchen
Erſcheinung wurde ſie bald der Gegenſtand unausgeſetzter Nachſtellungen ſeitens
eines der Betriebsleiter. Schroffe Zurückweiſungen ſuchte derſelbe durch Chikanen
aller Art im Arbeitsverhältnis zu rächen. — Aehnliches mag ja auch früher in
ſolchen Verhältniſſen vorgekommen ſein. Aber damals war wenigſtens eine Rettung
durch einen Wechſel der Arbeitsſtätte möglich. Heute aber betrachten manche
Betriebsleiter die Arbeiterinnen faſt wie wehrlos ihnen überlieferte Sklavinnen. Die
höheren Beamten haben davon Kenntnis, aber ſie ſelbſt treiben es vielfach nicht
beſſer in ſolcher Ausnutzung ihrer Machtſtellung und beurteilen deshalb Klagen und
Beſchwerden, welche an ſie gelangen, ſehr nachſichtig. Da bleibt denn den An⸗
verwandten oder Verlobten der in ihrer Ehre bedrohten jungen Mädchen kaum
etwas anderes übrig, als zur Notwehr zu ſchreiten. Schwere Mißhandlungen, Mord
und Totſchlag find, wie wir in unſeren Konferenzen der Kontroleure täglich erfahren.
die Folge ſolcher Zuſtände.
Agnes, die vaterloſe Waiſe, hat m Berlin keinen Beſchützer. Die Klagebriefe
der Braut brachten Franz in Leipzig zur Verzweiflung und förderten den Entſchluß
bei ihm zur Reife, mit der Ausführung des Fluchtplanes nicht länger zu zögern.
Agnes wünſchte dies jetzt ſelbſt auf das dringendſte. Meine Frau half in den letzten
Nächten die Reiſekleider beſchaffen und Alles vorbereiten. *
So war der entſcheidende Sonntag herangekommen, über deſſen Ausgang wir
io lange in qualvoller Ungewißheit blieben. Endlich, nach faſt 8 Tagen, wurde
derſelben ein Ende gemacht. Es traf ein Brief der Beiden von der engliſchen Küſte
ein. Sie hatten ſich nicht auf dem däniſchen Poſtſchiff befunden. Der Fiſcher, bei
dem die Beiden in Saßnitz eine Unterkunft gefunden, war ein entfernter Verwandter
meiner Frau. Die dortige Strandbevölkerung tft gegen bie neue Ordnung überaus
feindſelig geſtimmt, weil dieſelbe ihnen den bisherigen reichen und bequemen Ver⸗
dienſt von den Badegäſten geraubt hat. Denn die ſozialiſirte Geſellſchaft geſtattet
Badereiſen nur ſolchen, welchen ſie nach Prüfung durch eine ärztliche Kommiſſion
ausdrücklich verordnet iſt.
Unſer umſichtiger Fiſcher widerſetzte ſich dem Vorhaben des Paares, eines
der Poſtſchiffe, auf welche in letzter Zeit beſonders ſcharf vigilirt wird, zur Flucht
zu benutzen. Der Fiſcher fuhr die Beiden zu der Zeit, als gerade die Aufmerkſamkeit
der Grenzwache dem Poſtſchiff zugewendet war, auf ſeinem Fiſcherkahn bis auf die
Höhe von Stubbenkammer in die See hinaus und brachte ſie dort glücklich an
Bord eines vorüberfahrenden von Stettin zurückkehrenden engliſchen Frachtdampfers.
Die Engländer, deren Handel durch die neue Ordnung in Deutſchland ſehr benachteiligt
wird, ſind ſtets gern dabei, der ſozialdemokratiſchen Regierung durch Aufnahme flüchtiger
Auswanderer ein Schnippchen 4 ſchlagen. So find denn Agnes und Franz nach
kurzer Ueberfahrt glücklich nach England gelangt und befinden ſich heute bereits auf
der Ueberfahrt nach Newyork. *
Die armen Kinder! Was haben ſie ausgeſtanden! Und erſt meine gute
Frau, welche alle ihre Sorgen und Gedanken ſo lange vor mir in ihrer Bruſt ver⸗
ſchloſſen hat! Was kann ich im Leben noch thun, um ihr in Liebe alle dieſe mütter⸗
liche Aufopferung zu vergelten!
22. Wiederum Kanzlerwechſel.
Die Mißſtimmung auf dem Lande hat ihren Höhepunkt erreicht durch die
Nachricht von den Muſikaufführungen auf den öffentlichen Plätzen Berlins und von
den unentgeltlichen Theateraufführungen hierſelbſt. In allen kleinen Neftern. ver⸗
langt man unter Berufung auf die ſoziale Gleichheit und die gleiche Entſchädigungs⸗
pflicht her gleiche Arbeit dieſelben Volksbeluſtigungen aus dem allgemeinen Volks⸗
ſäckel hergeſtellt zu ſehen. Ohnehin müßten ſchon die Dorfbewohner der Gas⸗
beleuchtung, der elektriſchen Lampen und der Luftheizung entbehren. N
Der „Vorwärts“ ſuchte durch anmutige Schilderungen über die Vorzüge des
Landlebens, idylliſche Betrachtungen über den Naturgenuß und die friſche Luft zu
beruhigen. Das wurde für Ironie genommen. Wo bleibt denn bei Regenwetter
und an langen Winterabenden der Naturgenuß? Wo in den engen Wohnungen und
in den Ställen auf dem Lande die friſche Luft? So murrte man in Eingeſandts. —
Früher war es doch auch nicht anders geweſen, wurde entgegnet. — Gewiß, aber
früher konnte jedermann, dem es auf dem Lande nicht mehr paßte, in die Stadt
ziehen. Nun aber, wo der Landbewohner an die Scholle gefeſſelt iſt ſo lange, bis
es der Obrigkeit gefällt, ihn zu verſetzen, müſſe man auf dem Lande alles vom
Staate verlangen, was in den Städten geboten wird, denn: Gleiches Recht für alle!
Der Kanzler wußte ſich nicht zu helfen. Regieren iſt freilich etwas ſchwieriger
als Stiefel wichſen und Kleider reinigen. Die Einrichtung der Volksbeluſtigungen
war das einzige geweſen, was en durchgeführt hatte. Aber beim beſten Willen konnte
er doch nicht an jedem Kreuzweg eine Muſikkapelle, einen Cirkus und ein Speziali⸗
tätentheater errichten laſſen. Da kam er auf den Gedanken, an allen Sonntagen je
einige hunderttauſende Berliner zum Naturgenuß auf das Land und dafür ebenſo
viele Landbewohner zum Theatergenuß nach Berlin dirigiren zu laſſen. Indeſſen
war für dieſe ſoziale Gleichheit leider das Wetter zu ungleich. Trat Regenwetter
ein, jo wollten die Berliner trotz ihrer bekannten Liebe zu Mutter Grün fi nicht
auf naſſe Landpartien einlaſſen, während die Landbewohner die Plätze der Berliner
det den Volksbeluſtigungen ſehr gern einnahmen.
*
— 290 —
So mußte denn der Kanzler, nachdem er gleichmäßig Berliner und Nichtberline
n ſich anfgebracht hatte, ſeinen Platz räumen, damit nicht die Mißſtimmung über
n die bevorſtehenden Reichstagswahlen ungünſtig beeinfluſſe. In Berlin iſt natür⸗
lich das Mißvergnügen über die Einſtellung aller unentgeltlichen öffentlichen Luſt⸗
barkeiten nicht gering. Die Theater find von jetzt ab wiederum nur gegen Ent
ſchädigung durch Abtrennung von Kupons auf den Geldecertifikaten zugänglich.
Zum Nachfolger des Kanzlers iſt der bisherige Reichsſchatzſekretär gewählt
worden. Er gilt als ein ſchneidiger Draufgänger und ſoll daneben ein guter Rechen⸗
meiſter ſein. Das iſt um ſo notwendiger, als allerlei gemunkelt wird über das
mangelnde Gleichgewicht zwiſchen den Ausgaben und Einnahmen in unſerer fozlali
ſirten Geſellſchaft.
23. Auswärtige Verwicklungen. |
Die geſamte Kriegsflotte, welche uns die frühere Regierung hinterlaffen, wird
jetzt Hals über Kopf wieder ausgerüſtet und in Dienſt geſtellt. Auch das ſtehende
Heer, welches zur Aufrechterhaltung der Ordnung im Innern an den Grenzen zu.
letzt wieder auf die Stärke von 500 000 Mann gebracht war, erfährt auf Betreiben
des neuen Reichskanzlers eine Erweiterung angeſichts drohender auswärtiger Gefahren
In der Rede vor dem geſetzgebenden Ausſchuß, in welcher der Miniſter des
Auswärtigen dieſe Maßnahmen befürwortete, weiſt derſelbe darauf hin, daß leider
die zunehmenden Reibungen, Verwicklungen und Zwiſtigkeiten mit dem Auslande
Festa Sicherheitsmaßregeln zwingen. Dem auswärtigen Miniſterium darf man
halb keinen Vorwurf machen. Dasſelbe hat in der fozialifirten Geſellſchaft den
eſamten Güteraustauſch mit dem Auslande von Staat zu Staat zu vermitteln. In
Folge deſſen ſind ſtets alle Klagen über mangelhafte Beſchaffenheit oder unpünktliche
Vieferung von Warenſendungen im diplomatiſchen Notenwechſel zu erledigen. Spau⸗
nungen über abgelehnte oder abgebrochene Geſchäftsbeziehungen, oder über eine ärger⸗
liche Konkurrenz, wie ſie früher in privaten Handelskreiſen auch unvermeidlich waren,
übertragen ſich jetzt auf die Beziehungen von Staat zu Staat. Das liegt einmal in
der Natur der neuen Einrichtungen.
Aber das internationale ſozialdemokratiſche Bewußtſein — ſo führte der aus⸗
wärtige Miniſter mit Recht aus — das Gefühl der Brüderlichkeit aller Völker ſollte
doch hierbei in ganz anderer Weiſe, wie es leider der Fall iſt, ausgleichend, ſchlichtend
‚und Frieden ſtiftend wirken. Freilich bei den Engländern, dieſen egoiſtiſchen
Mancheſterherren, welche mit ihren Vettern, den Amerikanern, von der Sozial⸗
demokratie durchaus nichts wiſſen wollen, kann ſolches nicht Wunder nehmen. Sie
können es nicht verwinden, daß das ſozialdemokratiſche Feſtland in Europa durch
Annullirung aller Staatspapiere, Aktien u. ſ. w. ſich auch von der Schuldknechtſchaft
gegenüber den engliſchen Beſitzern ſolcher Schuldtitel des Kontinents befreit hat.
Aber ſelbſt dieſe hartgeſottenen Geldmenſchen müßten einſehen. daß Deutſchland bei
dieſer Annullirung gegenüber dem Ausland weit mehr Milliarder. verloren, als ges
wonnen hat, da auch ſämtliche im deutſchen Beſitz befindlichen ruſſiſcher., öſterreichiſch⸗
ungariſchen italieniſchen u. |. w. Papiere von den dortigen ſozialdemokratiſchen Ne
gierungen für null und nichtig erklärt worden ſind.
Freilich Dank wiſſen dieſe ſozialdemokratiſchen Regierungen uns Deutſchen
auch nicht, daß wir im erhabenen Bewußtſein der internationalen Bedeutung der
Sozialdemokratie die Aufhebung der Zinsanſprüche aus unſerm Beſitz an aus⸗
ländiſchen Papieren ohne Murren hingenommen haben. In ihrem rückſichtsloſen
Egoismus gehen dieſe ſozlaldemokratiſchen Regierungen neuerdings ſo weit, daß fie
die Artikel, welche Deutſchland vou ihnen bedarf und die wir früher teilweiſe durch
die Hinüberſendung unſerer Zinsk upons beglichen, in der Regel nur gegen baar oder
Zug um Zug gegen Austauſch ander er Güter an uns ablaſſen wollen. Die Baar⸗
zahlung machte ja unſerer Regierung ſolange keine Schmerzen, als wir noch die bei
uns entbehrlich gewordenen Beſtände an gemünztem und ungemünztem Gold und
Silber zur Ausgleichung der Valuta hingeben konnten. j
N * — 21 — L
Nachdem wir äber dergeſtalt unſer ganzes Edelmetall losgeworden find, ſtoßen
wir bei den ſozialdemokratiſchen Nachbarſtaaten nicht minder, wie bei den Herren
Engländern und Amerikanern auch noch auf große Schwierigkeiten, um unſere Ja⸗
brikate in gewohnter Weiſe an dieſelben abzuſetzen und dafür aus jenen Ländern
unſern Bedarf einzutauſchen an Getreide, Holz, Flachs, Hanf, Mais, Baumwolle,
Wolle, Petroleum, Kaffee u. |. w. In der fozialifigten Gejellichaft iſt gerade der
Bedarf an ſolchen Artikeln nicht geringer geworden. Im Gegenteil! Die ſozial⸗
demokratiſchen Nachbarstaaten, aber fagen, daß fie nach Einführung der ſozialiſirten
Geſellſchaft jetzt an deutſchen Fabrikaten, wie Putz⸗ und Konfektionswaaren, Sticke⸗
reien, Plüſchen und Shwals, Handſchuhen, Klavieren, feinen Glaswaren und der⸗
gleichen ganz und gar keinen Bedarf mehr haben. Ihre eigene Produktion ſei nach
Herſtellung der fozialen Gleichheit für dieſe Artilel jetzt mehr als ausreichend.
. Die Herren Engländer und Amerikaner aber in ihrer Feindſeligkeit gegen die
Sozialdemokratie werden nicht müde, uns zu verſichern, daß die deutſchen Jabrlkate,
insbefondere Eiſenwaren und Textilwaren, ja ſogar Strumpfwaren und Spielwaren
bel der jetzigen neuen Fabrikationsweiſe ſo mangelhaft und nachläſſig hergeſtellt
werden, daß fie die früheren Preiſe nicht mehr anlegen und auf anderweitige Ver.
ſorgung Bedacht nehmen wollen. Dabei kommt unſere Regierung bei den höheren
Produ koſten ſchon jetzt kaum mehr auf die Koſten. Alle Vereinbarungen in⸗
betreff der internationalen Einführung eines Maximalarbeitstages ſind geſcheitert,
da die ſozialdemokratiſchen Regierungen in ihrem nationalen Egoismus vorgeben,
daß in dieſer Beziehung die Beſonderheiten jedes Landes inbetreff des Klimas, des
Volkscharakters u. ſ. w. maßgebend ſein müßten. ö
Wass ſoll unſere Regierung nun machen! Daß wir jetzt auch unſererſeits nach
der Sozialiſirung der Geſellſchaft vom Auslande keine Seide und keinen Wein mehr
brauchen, kann doch den Milliardenausfall bei unſerer Ausfuhr nicht decken. Kein
Wunder daher, daß der diplomatiſche Notenwechſel tagtäglich einen gereizteren Cha⸗
rakter annimmt. Schon ſind im Weſten und Oſten Anſpielungen gefallen, daß
Deutſchland, wenn es ſeine Bevölkerung nicht mehr ernähren könne, doch an die
Nachbarſtaaten Landſtriche abtreten möge. Ja, es wird Sogar die Frage erörtert,
ob nicht zur Deckung der aufgelaufenen Warenſchulden Deutſchlands an die Nachbar⸗
ſtaaten es ſich empfehle, ſolche Landſtriche vorläufig in Pfandbeſitz zu nehmen.
Die ch f Annullirung von deutſchen Wertpapieren geſchädigten Ausländer
derſuchen ſich ſchadlos zu halten durch Beſchlagnahme auf deutſche Waaren und
beutiche Schiffe, wo fie irgend ſolcher habhaft werden können. Die Begünſtigung
flüchtiger deutſcher Auswanderer durch ausländiſche Schiffe giebt unausgeſetzt zu
gereizten Verhandlungen Veranlaſſung.
Kurzum, die Hoffnung, daß die Aufrichtung der Sozialdemokratie gleichbedeu⸗
tend ſei mit dem ewigen Völkerfrieden, droht in ihr Gegenteil ſich zu verkehren. Der
gefeggkbende Ausſchuß werde deshalb — fo ſchloß der Miniſter Kine Darlegungen
— der Notwendigkeit ſich nicht verſchließen können, die Kriegsflotte wieder herzu⸗
ſtellen und zugleich eine Erhöhung des ſtehenden Landheeres auf eine Million
Köpfe zu bewilligen. a
24. Wahlbewegung. *
Nächſten Sonntag iſt endlich Reichstagswahl. Mau hat zweckmäßiger Weiſe
einen arbeitsfreien Tag dazu gewählt. Hängt doch in der ſozialiſirten Geſellſchaft
vom Ausfall dieſer Wahl hundert Mal mehr ab, als von den früheren Reichstags⸗
wahlen. Von der Ordnung des Staatsweſens iſt ja heute Alles und Jedes be⸗
dingt: wie viel der Einzelne zu arbeiten, zu eſſen und zu trinken, wie er zu wohnen
und ſich zu kleiden hat u. |. w. u. |. w. 25 a
Das fieht man auch ſchon aus den Programmen und Wahlaufrufen. Die Zahl
der Intereſſengruppen, welche mit Sonderwünſchen hervortreten, iſt Legion. Eine
große Zahl von Programmforderungen betrifft Umgeſtaltungen des Küchenzettels
*
De A EEE
rern
1 — 53 m .
Ksergrößerung der Fleiſchration, eres Bier, ſtürkeren Kaffee (infolge der aus⸗
wärtigen Verwickelungen ſoll jetzt fait nur Cichorienkaffee verabfolgt werden), größere
Wohnungen, ſtärkere Heizung, reichlichere Beleuchtung, billigere Kleider, reinlichere
Wäſche u. ſ. w. u. ſ. w. .
Biele Frauen find ſehr ungehalten, daß ihre Forderung, in beſonderen Wahl⸗
kreiſen die fte der Abgeordneten zu wählen, als ſtändiſches reaktionäres Abſon⸗
derungsgelüſte zurückgewieſen worden tft. Bei der Verbindung mit den Männern
zu gemeinſchaftlichen Wahlkreiſen fürchten die Frauen, daß viele ihrer Genoſſinnen
den Männerkandidaten zufallen und ſie in Folge deſſen bei der Unzuverläſſigkeit der
Unterſtützung ihrer Kandidatin ien von Seiten der Männer nicht viele weibliche Ab⸗
geordnete durchbringen werden. , 8
Ein großer Teil der Frauen macht ohne Rückſicht auf Lebensalter gemeinſame
Sache mit der Partei der „Jungen“, welche thatſächlich nunmehr zur Sicherung
dieſer Bundesgenoſſenſchaft das Recht auf Verehelichung auf ihre Fahne geſchrieben
hat. Außerdem verlangen die „Jungen“, welche ſich unter Berufung auf die Schrift
Bebels über die Frau als die eigentlichen Bebelianer ausgeben, einen vierſtündigen
Maximalarbeitstag, wöchentliche Abwechſelung in der Berufsarbeit, allmonatliche neue
und zwar alternirende Beſetzung aller höheren Beamtenſtellen bis einſchließlich der
Reichs kanzlerwürde, außerdem vierwöchentliche Sommerferien mit Badereiſen und
Wiedereinführung unentgeltlicher Volksbeluſtigungen. Die eigentliche Regierungs⸗
partei tritt ſehr zuverſichtlich auf, obwohl ihr Programm nicht über allgemeine
Redewendungen hinauskommt. Sie fordert alle vorgenannten Parteien auf, als
gute Patrioten ſich nötigenfalls als große Ordnungspartei zuſammenzuſchließen gegen
eine Partei der Negation und des Umſturzes, welche im Dunklen ſchleiche und ſich
‚unter dem verlockenden Namen einer Freiheitspartei einzuſchmeicheln ſuche. Dieſe
Freiheitspartei verlangt nämlich die Wiederherſtellung des Rechts der Eltern zur
Erziehung ihrer Kinder, Aufhebung der Staatsküchen, freie Berufswahl und Frei⸗
ügigkeit, ſowie höhere Belohnung für ſchwierigere Arbeit. Jedermann müſſe ein»
ehen, daß ſolche Forderungen die ſoziale Gleichheit zerftören und deshalb die Grund⸗
„lage der ſozialiſirten Geſellſchaft zu untergraben geeignet ſeien. Die Erfüllung jener
Forderungen — fo heißt es in dem Aufruf der Regierungspartei — würde zur Wieder⸗
herſtellung des Privateigentums und des Erbrechts, zur Kapitalherrſchaft und zum
Ausbeuteſyſtem der früheren Geſellſchaft unbedingt zurückführen.
Der Vielheit der Programme und Wahlaufrufe entſpricht durchans nicht die
nge Lebhaftigkeit der Wahlbewegung. Letztere war in früherer Zeit viel ſtärker.
lerdings find entſprechend den Beſchlüſſen des Erfurter Parteitages vom Oktober
1891 alle Geſetze, welche das Recht der freien Meinungsäußerung und die Vereins.
thätigkeit beſchränken, abgeſchaffr. Aber was nützt die Preßfreiheit, wenn die
Regierung im Beſitz aller Druckereien iſt, was hilft die Verſammlungsffreiheit,
wenn alle Verſammlungslokale der Regierung gehören! Freilich dürfen die öffent⸗
lichen Verſammlungslokale, im Falle fie nicht anderweitig vergeben find, von allen
Parteien zu Wahlverſammlungen benutzt werden. Aber es fügt ſich merkwürdiger⸗
weiſe ſehr oft, daß gerade für die Oppoſitionsparteien keine Räumlichkeiten frei find.
Allerdings ſind die Regierungsblätter zur Aufnahme von Wahlinſeraten jeder Art
verpflichtet, aber da bei der Einrichtung unſerer Geldzertifikate überhaupt keine
Geldmittel von den Wahlkomitees geſammelt werden können, ſo beſtehen auch keinerlei
Wahlfonds zur Bezahlung ſolcher Inſerate und zur Beſtreitung ſonſtiger Wahlkoſten.
Darin war die ſozialdemokratiſche Partei in der früheren Geſellſchaft unzweifelhaft
viel beſſer beſtellt. Sie verfügte über große Wahlfonds und verſtand es, dieſelben
geſchickt zu benutzen. a .
»Die Oppoſitionsparteien klagen jetzt beſonders darüber, daß ſich nur ſehr wenige
Perſonen finden, welche es wagen, ſich der Regierung gegenüber in der Oppoſition
öffentlich herauszuſtellen, ſei es als Reichstagskandidaten oder auch nur als Redner
n Wählerverſammlungen. Es tft ja richtig, daß Jedermann ohne Weiteres ſeitens
, , — 883 —
U}
der Regierung zu einem andern Beruf oder an einen andern Ort verſetzt werden
kann. Damit find allerdings gerade für die älteren und reiferen Leute viele, unter
. Umftänden recht empfindliche Veränderungen in den Lebensverhältniſſen verbunden.
Freilich iſt eine Beſchwerde gegen eine willkürliche Verſetzung ſtatthaft. Aber wer
vermag den Beweis zu führen, daß die Verſetzung nicht erforderlich und gerechtfertigt
war wegen Veränderungen in den Arbeitsverhältniſſen, durch welche eine andere
Ver teilung der Arbeitskräfte bedingt wird. |
* Eine böſe Gährung ergreift, wie wir in unſeren Rontzoleurkonferengen Tag für
Tag erfahren, immer Hefer die Gemüter des Volkes in Stadt und Land. Man
hat den Eindruck, als ob es nur eines leichten äußeren Anſtoßes bedarf, um die
Flamme einer gewaltſamen Erhebung im Sinne der Wiederherſtellung der früheren
Zuſtände hoch emporlodern zu laſſen. Vom Lande her hört man bald hier, bald
dort von gewaltſamen Zuſammenſtößen der zur Durchführung der ſozialdemokratiſchen
Ordnung aufgebotenen Truppen mit der Landbevölkerung. Selbſt der Truppen IR
die Regierung nicht überall ſicher. Berlin hat deshalb trotz der großen Heeresv er⸗
ſtärkungen noch keine Garniſon wieder erhalten. Dagegen iſt die Schutzmannſchaft,
welche nach Möglichkeit durch Auverläifige Sozialdemokraten aus dem ganzen Lande
ergänzt wird, jetzt auf 30 000 Mann gebracht worden. Abgeſehen von den berittenen
Mannſchaften find der Schutzmannſchaft jetzt auch Artillerie und Pioniere zugeteilt
worden. N 5
a Die Reichstagswahl findet allerdings durch Stimmzettel ftatt, welche obrigkeitlich
abgeſtempelt ſind und in geſchloſſenem Couvert überreicht werden. Aber bei der alle
Lebensverhältniſſe durchdringenden Organiſation der Regierung, der Oeffentlichkeit
des ganzen Lebens, dem Kontrolſyſtem, welchem jeder Einzelne unterſteht, ſcheinen
ſich viele trotz der Undurchſichtigkeit der Zettel nicht zu trauen, nach eigener
Ueberzeugung abzuſtimmen. Früher war dies ja mit der Beamtenſchaft in manchen
Orten ähnlich. Jetzt aber iſt Jedermann Angeſtellter des Gemeinweſens.
Das Wahlergebnis iſt deshalb durchaus ungewiß. Kommt wirklich der Volks⸗
wille zum Ausdruck, ſo erhalten wir einen Reichstag im Sinne der Wiederher⸗
ſtellung der früheren Ordunng. Ueberwiegt dagegen die Furcht, jo wird der
Reichstag ein blindes Werkzeug in den Händen der Regierung ſein. oo.
Ich ſelbſt weiß noch nicht, wie ich ſtimmen werde. Ich fürchte, daß man
wegen der Flucht meines Sohnes mir ohnehin ſchärfer aufpaßt. Vielleicht gebe ich
einen weißen Zettel ab. |
5 25. Trauer kunde.
Annie, unſer gutes, herziges, kleines Mädchen, iſt tot! Kann man es faſſen, daß
plötzlich ſtarr und leblos das kleine Weſen daliegt, welches immer jo fröhlich und
munter um uns herumſprang, verſtummt der Mund, der ſo herzlieb plauderte,
Fiche d. die Augen, die in 2 hellem Glanze ſtrahlten, wenn hier auf dieſem runden
ſche das Weihnachtsbäumchen für ſie ſtrahlte oder dort auf der Kommode ihr
Geburtstagskuchen mit dem Lichtchen erglänzte? |
Und gerade heute iſt ihr Geburtstag. Meine arme Frau war Vormittag in
das Kinderheim gegangen, um zu verſuchen, ob fie an dieſem Tage ihr Kind wenig⸗
ſtens für einen Augenblick ſehen könne. Fröhlichen . e und lächelnden
Mundes fragt ſie nach dem Kinde. Da nach einer Pauſe — ſie mußte Namen
und Wohnung wiederholen — ſchneiden ihr die kalten Worte in das Herz, das
Kind ſei über Nacht an der Bräune geſtorben, die Mitteilung wäre ſoeben an
die Eltern abge ſandt worden. . |
Meine Frau ſinkt ſtarr auf einen Stuhl zurück, dann aber giebt ihr die Mutter⸗
liebe übermenſchliche Kraft, ſie kann es nicht faſſen, daß Annie, ihr Kind, geſtorben
ſein ſoll, es wird, es muß ein Irrtum ſein. Sie ſtürzt der Aufſeherin nach in den
Leichenkeller. Da liegt das arme Würmchen in ſeinem langen roten Nachtröckchen
Alles Anrufen, Küſſen und Klagen der Mutter vermag es nicht aufzuwerten. u
| — 84 —
Wie das alles fo rasch gekammen iſt bei der tückiſchen Krankheit, wer vermag
8 zu fagen? Eine Erkältung war vorhergegangen, wahrſcheinlich über Nacht.
as Rind ſtrampelte ſich ja auch bei uns nachts immer ſo blos, aber dort wachte
kein Mutterauge ſorgſam neben dem Bettchen jedes Einzelnen unter den Hunderten
von kleinen Weſen. Die vorgeſchriebene Ventilgtion bringt ſtets einen friſchen
Luftzug in die Schlafſtube. Vielleicht war auch das Kind beim Baden, nicht raſch
und kforgſam genug abgetrocknet, es muß ja in ſolchen großen Anſtalten gar
Endler ewas ſummaciſch beſorgt werden. Vielleicht auch hat die veränderte
Eruährungsweiſe das Kind ſchwächer und daher empfindlicher gemacht, als es
bei uns zu Hauſe war. Doch was hilft uns jetzt alles Nachforſchen und Grübeln;
yufere teüere Annie kann dadurch nicht wieder lebendig werden.
Wie wird meine teuere Frau ſolches Leid überſtehen? Sie war ſo erſchüttert
und gebrochen, daß fie aus dem Kinderheim zu Wagen direkt in die Krankenanſtalt
übergeführt werden mußte. Ich ſelbſt kam erſt ſpäter hinzu. Annie war unſer
Neſthäkchen, ein Spätling, als einzige Tochter nach den Jungen. Was Alles
haben wir von dem Linde gehofft und geträumt, wenn es erſt erwachſen ſein würde.
Ernſt, der gute Junge, ſoll es erſt morgen durch mich erfahren. Großvater
darf es gar nicht wiſſen; er hatte Annie ſeit Mutters Geburtstag nicht mehr geſehen.
Nun kann er ihr nicht mehr Geſchichten erzählen, wie ſo oft, wenn ſie auf ſeinem
Schoße ſaß und immer wieder aufs Neue von Rotkäppchen und dem Wolf zu hören
. verlangte. Franz und Agnes in ihrem Amerika haben natürlich keine Ahnung. In
ehn Tagen werden ſie erſt meinen Brief erhalten. Franz liebte ſeine kleine Schweſter
o zärtlich. Faſt jedesmal brachte ex ihr etwas mit, wenn er von der Arbeit
heimkehrte. Das wußte der kleine Schelm und ſtürmte ihm ſchon auf der Treppe
entgegen, jobald er Franz kommen hörte oder ſah. Vorbei, Alles vorbei mit jo manchem
Anderen innerhalb einiger Monate.
26. Das Wahlergebnis.
Bei ſo viel Herzeleid erſcheint alles Politiſche gleichgiltig und ſchaal. Wenn
die Gegenwart ſchweren Kummer auferlegt, verblaßt die Sorge um eine entferntere
Zukunft. |
Franz hat in der Schätzung des Wahlergebniſſes Recht behalten. Er meinte
in ſeinem letzten Brief, daß in einer Geſellſchaft, worin es keine perſönliche und
wirtſchaftliche Freiheit des einzelnen mehr giebt, auch die freieſte Staatsform keine
politiſche Selbſtändigkeit mehr ermögliche. Wex derart in allen ſeinen perſönlichen
Lebensbeziehungen von der Regierung abhängig iſt, wie es jetzt bei uns für die
geſamte Vevölterung zutrifft, vermag nur in den ſeltenſten Fällen die moraliſche
Kraft zu gewinnen, auch nur durch einen geheimen Stimmzettel eine den zeitigen
Machthabern unerwünſchte politiſche Wahl zu bethätigen. So wenig wie für Sol⸗
daten in der Kaſerne und für Sträflinge im Gefängnis könne das politiſche Wahl⸗
dale in unſerer ſozialdemokratiſchen Geſellſchaftsordnung eine ernſthafte eutung
aben.
Es iſt richtig, die Regierungspartei hat ohne beſondere Anſtrengungen — nur
etliche offenbar aus politiſchen Gründen zur Statuirung von Beiſpielen vorgenom⸗
mene Verſetzungen von Führern aus der „Freiheits⸗Partei“ und der Partiel der
„Jungen“ wirkten einſchüchternd — trotz aller herrichenden Mißſtimmung über
zwei Drittel der abgegebenen Stimmen erhalten.
Ich ſelbſt habe unter der Wucht des Schickſalsſchlages, welcher meine Familie.
betroffen, entgegen meiner urſprünglichen Abſicht für die Regierungspartei geſtimmt.
Denn was ſollte aus mir und meiner Frau werden, toenu wir in unſerer jetzigen
Gemütsverfaſſung noch von einander getrennt würden durch eine Verſetzung meiner
Perſon in irgend einen entlegenen Provinzialort.
Seltſam iſt es, daß gerade auf dem Lande, wo die größte Mißſtimmung
kerricht, die meiſten Stimmen für die Negierung abgegeben worden find. Freilich
mat man ſich dort, wo jeder einzelne noch mehr lontrollirt werden kann, als %
der dichtgedrängten Bevölkerung einer Großſtadt, mit der ſelbſtändigen Kundgebung
einer oppoſitionellen Anſicht bei ſolcher Gelegenheit weniger heraus. Auch haben
hier gerade in den unruhigſten Bezirken die letzten militäriſchen Maßnahmen ehe
etuſchüchternd gewirkt. .
In Berlin ſelbſt iſt die Regierungspartei in der Minderheit geblieben, fe
daß, da Berlin unter dem Proportionalwahlſyſtem nur einen einzigen Wahlkreis bildet,
die ARebrheit der Berliner Abgeordneten der Oppoſition in der „Freiheitspartei“
angehört.
Die „Jungen“ haben ſchlecht abgeſchnitten und troß der ſtarken Unterſtützung
der Frauenpartei für allgemeines Verehelichungsrecht nur einen einzigen Kandidaten
durchgebracht. Die Stimmung im Volke iſt offenbar nirgendwo mehr für einen
weiteren Ausbau des ſozialdemokratiſchen Staatsweſens. Auch der einzige Abge⸗
ordnete aus der Partei der „Jungen“ iſt nur gewählt worden, weil die Partei der
Freiheitsfreunde ihn wegen ſeines perſönlichen ſchneidigen Auftretens gegen die Ne⸗
gierung in der Wahl unterſtützen zu müſſen glaubte. nn
Die Partei der Freiheit oder der Freiheitsfreunde hat, durch das 17 Land
gerechnet, vahezu ein Drittel der Stimmen erlangt, trotzdem fie von der Regierungs⸗
partei als Partei des Umſturzes und der Untergrabung der geſellſchaftlichen Ord⸗
nung in jeder Weiſe zu ächten geſucht wurde. Die Partei verdankt Dielen relativen
Erfolg weſentlich der Unterſtützung der weiblichen Wähler, welche ſich überhaupt
an der Wahl weit ſtärker als die Herren vom ſtärkeren Geſchlecht beteiligten und
aus ihrer Erbitterung über die herrſchenden Zuſtände, insbeſondere über die Be⸗
ſchränkung der Häuslichkeit und des Privatlebens, kein Hehl machten. |
Insbeſondere war ſeit Einführung der täglichen Kündigungsfriſten für bie
ehelichen Verbindungen die große Zahl der eheverlaſſenen Frauen am Wahltage über’
aus thätig im Stimmzettelverteilen und Heranholen ſäumiger Wähler zur Urne.
Von Damen iſt nur eine einzige in den Neichstag gewählt worden, nämlich
die Gattin des neuen Reichskanzlers. Dieſe Dame rechnet ſich nicht zur Regierungs⸗
partei, ſondern hat ſich als „wild“ bezeichnet. Sie hat in ihrer öffentlichen Wahl⸗
rede verſichert, daß, wie fie bisher es ſchon in der Häuslichkeit ihrem jetzigen und
auch allen früheren Gatten gegenüber gewohnt geweſen ſei, ſie auch im Reichstag
offen und frei die Wahrheit Tagen werde, wenn dies nach ihrer ſelbſtändigen Ueber⸗
zeugung das. Intereſſe des Volkes erheiſcht. Die Regierungspartei glaubte dieſe
Wahl der Gattin des Reichskanzlers nicht bekämpfen zu dürfen teils aus Courtoiſie.
teils um an dieſer Wahl die Gleichberechtigung der Frauen praktiſch zu demonſtriren.
27. Ein großes Defizit.
Allmonatlich eine Milliarde oder 1000 000 000 Mark mehr Ausgaben
als Einnahmen, mehr Konſumtion als Produktion im Volks haushalt, das iſt die
ſchlimme Botſchaft, mit welcher der Reichskanzler den neuen Reichstag eröffnet hai.
Ein Wunder, daß es noch gelungen iſt, dieſe Tbatſache bis uach den Wahlen gehen
zu halten. Für die Klarſtellung und Abhilfe aber iſt es jetzt die höchſte Zeit.
A!“TDreilich zu merken war es ſchon feit langer Zeit an allen Ecken und Enden.
daß es nicht ſtimmte. Wollte man für fein Geldzertifikat etwas kaufen, jo bieß es
nur zu oft, der Vorrat davon ſei eben ausgegangen und würde erſt in einiger Zeit
ergänzt werden können. In Wahrheit abet war nicht die ſtärkere Nachfrage, wie
ſich jetzt herausſtellt, ſondern die Abnahme der Produktion ſchuld daran Es war
ſogar ſchwer, ſich für Erſparniſſe auf dem Geldzertifikat auch nur die notwendigſten
Kleidungsftüde zu erneuern. Bei anderen Bedarfsartikeln mußte man mit erſchreck⸗
lichen Ladenhütern fürlieb nehmen, wenn man überhaupt etwas bekommen wollte.
Die Preiſe für die aus dem Auslande bezogenen Artikel wie Kaffee, Petroleum,
Reis waren nachgerade kaum mehr zu erſchwingen. '
Auch ſonſt hat wahrlich die Bevölkerung nichts weniger als „in Saus aus
%
— 88 —
Drauz gelebt. Für das Mittageſſen tft zwar nach wie vor die Fleiſchration om
150 ®ramm verblieben; indeſſen ſcheinen Aenderungen in Bezug auf Einrechnung
von allerhand Abfällen auf die Geſamtheit der Portionen ſtattgefunden zu haben.
Auch hat ſich der Gemüſeetat ſehr vereinfacht und iſt auf Erbſen, Bohnen, Linien
und Kartaffeln eingeſchränkt. Am Bebeltage iſt die erwartete größere Fleiſchration
und ein unentgeltliches Glas Bier ausgeblieben. Sogar bei den Gewürzen ſcheint
immer mehr geſpart zu werden. Vielfach hört man über die Geſchmacklofigkeit und
Fadheit der Speiſen klagen, was Ekel erzeugt, der ſelbſt durch ſtarkes Hunger⸗
gefäht ſich nicht überwinden laſſe. Von Erbrechen und Darmkatarrh war bei den
ahlzeiten immer mehr die Rede. 0
Obwohl nach den vorhandenen Anzeichen ſich annehmen läßt, daß trotz
der ſtarken Auswanderung die Bevölkerung in Folge der Gewährleiſtung freier
Kindererziehung von Seiten des Staates einem rapiden Zuwachs entgegenſieht,
werden neue Wohnhäuſer ſelbſt in Berlin nicht mehr gebaut. Sogar die not⸗
wendigſten Reparaturen werden vielfach hinausgeſchoben. Von Meliorationen,
Erneuerungen der Maſchinen und Geräte oder von Erweiterungen von Betriebs-
und Produktionsanlagen oder neuen Verkehrswegen hört man nirgend etwas.
Did Vorräte für die Konſumtion ſcheinen auf ein Minimum zu ammengeſchmolzen
m fein. Nur an Artikeln, nach denen wenig oder garnicht verlangt wird, iſt noch
erheblicher Vorrat; außerdem bei allen jenen Waren, die früher in das Ausland
verlauft wurden und jetzt dort, namentlich in den ſozialdemokratiſchen Staaten,
keinen Abſatz mehr finden, fo namentlich an Putzwaren, Stickereien, Handſchuhen,
Wein, Seidenwaren, Klavieren, Plüſch u. l. w. Alle dieſe Waren werden deshalb
im Inland weit unter dem Koſtenpreis abgegeben, nur um damit zu räumen.
Trotz alledem ſcheint das Defizit gerade in den letzten Monaten eher größer
als kleiner geworden zu ſein. Sogar die Vorräte von Rohſtoffen und Hilfsſtoffen
beginnen nicht mehr auszureichen, um auch nur den regelmäßigen Fortgang der
Produktion zu ſichern. 3 Ausland überläßt jetzt nirgendwo mehr Waren auf
Kredit an Deutſchland, ſondern nur im Umtauſch der Gegenwerte, Zug um Zug.
Man kann dabei nicht einmal behaupten, daß die Regierung leichtſinnig die
Konſumtion geregelt hat. Sie hatte, wie es in der Botſchaft zur Eröffnung des
Reichstags heißt, ziemlich genan ermittelt, daß der Wert der geſamten Produktion an
Gütern und Dienſtleiſtungen in Deutſchland unmittelbar vor der Umwälzung ſich
einſchließlich der ſchon damals vorhandenen Produktionszweige der Gemeinweſen
auf 17 bis 18 Milliarden Mk. jährlich belief. Die Regierung hatte eine Steigerung
des Produktionswerts als Folge der neuen Organiſation gar nicht einmal in
Rechnung geſtellt, ſondern war nur davon ausgegangen, daß auch bei Einführung
des achtſtündigen Maximalarbeitstages ſich der bisherige Produktionswert erreichen
laſſe. Dieſe Annahme war der Berechnung der zuläſſigen Konſumtion zu Grunde
gelegt. Dabei konnte denn allerdings ſchon bisher die Mehrheit dec Bevölkerung
trotz aller Einſchränkung in der perſönlichen und wirtſchaftlichen Freiheit nicht
befjer, ſondern nur ſchlechter geſtellt werden, als vor der großen Umwälzung.
Und nun ſtellt ſich heraus, daß der Produktionswert gegen früher auf ein
Drittel, alſo jährlich von 18 auf 6 Milliarden oder monatlich. von 1'/, auf / Milliarde
in der jozialifirten Geſellſchaft zurückgegangen iſt. Es wird alſo in jedem Monat
eine Milliarde untergezehrt. Das ergiebt in 4 Monaten ſchon ſo viel Verluſt, wie
im großen franzöſiſchen Kriege ſeiner Zeit Frankreich an Kontribution an Deutſchland
abführen mußte. |
Wo ſoll das hinaus und wie ift Abhilfe möglich! Die 4 Def auf die nächſte
Reichstagsſitzung, in welcher der Kanzler die Urſachen des Defizits klarlegen will.,
WM eine überaus große. N
| 28. Jamiltennachrichten.
Immer bin ich noch einſam und allein in meiner Wohnung, wie es ſeit meiner
Junggeſellenzeit nicht mehr der Fall war.
1 N 0 a
1 7 7 u j
7
Noch immer weilt meine arme Frau in der Krankenanſtalt. Der Arzt hat
mich indeß gebeten, die Beſuche daſelbſt auf das Aeugerſte einzuſchränken, um jede
Aufregung bef ihr möglichſt zu vermeiden. Denn ſieht fie mich, fo fällt fie mir
leidenschaftlich um den Hals, als ſei ich ſoeben erſt nach den furchtbarſten Lebens⸗
gefahren ihr wieder zurückgegeben. Nachher giebt es wieder die aufregendſten
Szenen, bevor ſie ſich von mir trennen kann und mich nach Hauſe entläßt. Je
lebhafter fie nach unferu Geſprächen in ihren Gedanken ſich mit mir und den andern
Familienmitgliedern beſchäftigt, deſto mehr ſteigert ſich bei ihr das Gefühl der
Angſt und Sorge um uns. Sie wähnt uns allerlei ſchlimmen Verfolgungen und
Gefahren ausgeſetzt, fürchtet uns nimmer wiederzuſehen. Die Erſchütterung des
»Gemüũtes durch den Tod unferer Tochter und die Vorgänge bei der Flucht von Franz
und Agnes iſt noch immer nicht überwunden.
Ich wollte darüber unſern früheren Hausarzt, dem ihr Sein und Weſen
genau bekannt iſt, und der, ſie ſeit unſerer Verheiratung ärztlich behandelt hat,
um Rat fragen. Dex Arzt lam ſoeben von einem jugendlichen Selbſtmörder zurück,
den er ſich vergebens bemüht hatte, wieder ins Leben zurückzuruͤfen. Er mußte
aber zu ſeinem Leidweſen bedauern, daß ſoeben ſein achtſtündiger Maximalarbeitstag
abgelaufen ſei. Deshalb könne er heim beſten Willen und bei aller Freundſchaft
für uns keinen ärztlichen Rat heute mehr ertellen. Er iſt ſchon zweimal von
einem jüngeren Kollegen, der eine dem Maximalarbeitstage entſprechende ärztliche
Thätigteit durch Ablieferung von Kupons zur Staatsbuchhalterei nicht nachweiſen
konnte, wegen Ueberſchreitung der Arbeitszeit denunzirt und in Folge deſſen wegen
Ueberproduktion hart beſtraft worden. N
Der alte Herr ließ ſich aus Anlaß ſeines heutigen Falles mit mir in ein
Geſpräch ein über die erſchreckliche Zunahme der Selbſtmorde in der ſozialiſirten
Geſellſchaft. Ich frug ihn, ob etwa eine unglückliche Liebe Schuld ſei an dem
heutigen Fall. Das verneinte er beſtimmt, obwohl ſolche Fälle jetzt ebenſo, wie
früher vorkämen. Denn es kann doch auch jetzt von Staatswegen Niemand ver⸗
hindert werden, Körbe auszuteilen. Der alte Herr, der kr g Militärarzt war,
fuchte die Zunahme der Selbſtmorde anders zu erklären. Er ſagte, daß auch beim
Militär bie Selbſtmorde zu einem erheblichen Teil davon herrührten, daß manche
junge Leute, obwohl es ihnen an zureichender Nahrung, Kleidung und Wohnung nicht
mangelt, ſich' in den ungewohnten Zwang der militäriſchen Verhältniſſe durchaus nicht
ſchicken vermöchten. Und dabei hatten dieſelben noch Ausſicht, in zwei oder drei
Fahren wieder entlaſſen zu werden und zu der gewohnten Freiheit im Thun und
Handeln zurückzukehren. Man darf ſich darum nicht wundern, ſo meinte er, daß
jetzt die aus den neuen Organiſationen der Produktion und Konſumtion folgenden
großen und dabei lebenslänglichen Beſchränkungen der perſönlichen Freiheit zuſammen
mit der ſozialen Gleichheit bei vielen Perſonen, und darunter nicht den ſchlech⸗
teſten, den Reiz des Daſeins bis zu einem Grade vermindern, welcher ſie zuletzt
den Selbſtmord als den einzigen Ausweg betrachten läßt, um dieſem Zwang eines öden,
gleichförmigen, durch keine Energie ihres Willens abänderlichen Daſeins zu ent⸗
rinnen. Der alte Herr mag jo ganz Unrecht dabei nicht haben.
Von Franz und Agnes aus Amerika gute Nachricht. Der einzige Lichtpunkt
in meinem Daſein. Sie haben bereits das Koſthaus in New⸗Nork, welches fie
unmittelbar nach ihrer Verheiratung bezogen, verlaſſen und ſich eine eigene, wenn
auch recht beſchränkte Häuslichkeit einrichten können. Franz iſt in Anerkennung
ſeiner tüchtigen Leiſtung und ſeiner Solidität Faktor in einer nicht unbedeu⸗
tenden Druckerei geworden. Agnes arbeitet für ein Putzgeſchäft, deſſen Verdienſt
ſich in Amerika außerordentlich gehoben hat, ſeitdem die deutſche Konkurrenz in
Putzwaren für Amerika leiſtun gsunfähig geworden if. Durch Sparſamkeit gelingt
es ihnen, ein Stück nach dem andern für ihre neue Häuslichkeit zu beſchaffen.
Franz dat ſich über den Tod feiner kleinen Schweiter ſehr gegrämt und dringt in
mich, Ernſt zu ihm herüberzuſenden. Ex will für denſelben auf jede Weiſe forgen
*
0 — 88. —
ernſt dauert mich in der Erziehungbanſtult aus tiefſter Seele. Man
hrt aus dieſen Anſtalten überhaupt nur Ungünſtiges, namentlich aus denen, in
welchen ſich die reiferen jüngeren Leute im Alter von 18 bis 21 Jahren befinden
„Sie wiſſen, daß, wenn fie das 21. Lebensjahr erreicht haben, fie, gleichgiltig, was
und wie viel ſie gelernt haben, gr der Sie erte dieſelbe gleichmäßige für alle be
ſtimmte Ration vorfinden und es in keinem Falle darüber hinaus zu Etwas
bringen können. Auch ob fie ſich mit Luft und Liebe für einen Beruf vorbereitet
haben, gewährt ihnen nicht die mindeſte Sicherheit, dieſem oder auch nur einem
verwandten Beruf demnächſt zugeteilt zu werden. So benutzen fie denn faſt aus⸗
nahmslos die ihnen zur Ausbildung gewährte Zeit zu Ausſchweifungen der ver⸗
ſchiedenſten Art, ſodaß letzthin Beſtimmungen zu ihrer Kontrole ergangen find,
wie ſie nicht ſchärfer für Sträflingsſchulen erlaſſen werden können.
Trotzdem wage ich nicht, ſt den Gedanken einer Flucht nahe zu 85 legen
Selbſt wenn ich einen Weg wüßte, den Jungen auf ein ausländiſches Schiff zu
Ipediren, und Franz die Ueberfahrtskoſten irgendwie ſicher ſtellen könnte, jo kann ich
doch ohne Zuſttmmung meiner Frau nicht einen Schritt thun, der für das Lebens⸗
ſchickſal unſerezß unmündigen Sohnes von fo entſcheidender Bedeutung iſt. Für
meine Frau aber könnte bei ihrem jetzigen Zuſtande eine ſolche Mitteilung der Tod ſein
29. Eine ſtürmiſ che Reichs tagsſttzung.
Seit der Verhandlung über die Sparkaſſengelder war ich nicht mehr tm
Reichstagsgebäude am Bebelplatz geweſen. Damals hatten die allgemeinen Neu⸗
wahlen noch nicht ſtattgefunden, und es waren daher die ſozialdemokratiſchen Ab»
geordneten aus der Zeit vor der großen Umwälzung noch unter ſich, da man
alle anderen Mandate als angeblich aus der Kapitalherrſchaft hervorgegangen für
null und nichtig erklärt hatte. Heute füllten die neu gewählten Gegner der
Sozialdemokratie die ganze linke Seite des Reichstagsſaales aus, alſo etwa ein
Drittel ſämtlicher Plätze. +
Die einzige aus den Neuwahlen hervorgegangene Dame, die Gattin des
Reichskanzlers, hatte ihren Plaß in der Mitte der vorderſten Reihe eingenommen.
Dieſelbe, eine ſtattliche, energiſch dreinſchauende aber etwas kokett aufgepntzte Dame,
folgte der Rede ihres Gatten mit lebhaffer Aufmerkſamkeit, bald beifällig nidend,
bald das mit rothen Schleifen geſchmückte Locken haupt ſchüttelnd.
Unter dem Eindruck der Nachrichten von dem großen Milliardendefizit hatte
ſich offenbar der Regierungspartei eine gewiſſe Niedergeichlagenheit bemächtigt,
während die antiſozialdemokratiſche Oppoſition, die Freiheitspartei, ſich in ihren
Kundgebungen ſehr munter zeigte. Die Tribünen waren dicht beſetzt, namentlich
von Frauen, ſodaß kein Apfel zur Erde fallen konnte. Es herrſchte unter den Zu⸗
börern Taleban eine aufgeregte Stimmung.
Tagesordnung: Ueberſicht über den Volkshanshalt. In der Diskuſſion,
welche ſich über die Urſachen des Milliardendefizits entſpann, und die ich mich bemlihe hier
auszugsweise wiederzugeben, er Ai zunächſt das Wort
eichskanzler: Die Thatſache einer Verminderung der Produktionswerte in
Deutſchland um zwei Drittel, verglichen mit der Produktion vor der großen Umgeſtaltung
der Geſellſchaft, ſoll man nicht beweinen und nicht belachen. ſondern zu verſtehen trachten.
In erſter Reihe find daran Schuld die Feind⸗ unſerer jozlalfiiten Geſellſchaft (der Abge⸗
ordnete für Hagen, links: Nanu!) Jawohl, Herr Abgeordneter, zur Durchführung der
Ordnung im Innern haben wir die Polizeikräfte mehr als verzehnfa zur Unterjtügung
der Boltzel zur Verhinderung der Auswanderung und Sicherung gegen das Ausland das
Dede Heer und die Flotte egen früher verdoppeln müſſen. Sodann hat die Annullirung
ice Kapla in den ſozialdemokratiſchen Staaten Europas auch für das dort angelegte
deutſche ttal die Zinsanſprüche aufgehoben und damit eine Verminderung der Einnahmen
See Unſer Abſatz im Ausland iſt in Folge der Umgeſtaltung der Geſellſchaft in
ſozialiſirten Staaten und in Folge der Abneigung der übrig gebliebenen Bourgeolsſtaaten
einen die lend ſch un Bub uc enn die indes Abeen hassen aıtherorb entl la zurückgegangen. An dieſen
u
Vn zweiter Reihe erwähnte ich als Urſache der Mindererträge in der Produktion bie
Entbindung der jungen und alten Leute von der Arbeitspflicht. (Hört, bört! links) und die
Serkürzung der Arbeitszeit (Unruhe rechts). Auch das Verbot jeder Akkordarbeit hat offen⸗
bar zu einer Verminderung der Produktion beigetragen. (Hört, hört! links) In Folge der
bemoralifitenden Nachwirkungen der früheren Gefellſchaft (Oho! links) iſt leider das Bewußt⸗
ſein der Arbeitspflicht als unentbehrliche Grundlage der ſozialiſirten Geſellſchaft noch nicht in
jolchem Umfange vorhanden (Unruhe rechts), daß wir auf eine Ausdehnung des Maxi⸗
malarbeitstages bis auf zwölf Stunden, wie wir ſie Ihnen vorſchlagen wollen,
lauben verzichten zu können. (Senſation). Außerdem werden wir jedenfalls bis zur Wieder⸗
rſtellung der Bilanz die Arbeitspflicht für alle Perſonen vom 14. Lebensjahre bis zum 75.
atutren müſſen ſtatt bisher vom 21 bis 65. Jahre, (Hört, hört! links!), wobei wir nns
indeſſen vorbehalten wollen, talentirten jüngeren Perſonen Erleichterungen zur Ausbildung
dewabren. ſchwachen Perſonen Erleichterungen zur Erhaltung ihres Geſundheitszuſtandes zu
gewähren. ö ;
7 Sodann wird eine vereinfachte und weniger koſtſpielige Ernährungsweſſe, als bisher
(Unruhe rechts!) erheblich beitragen können zur Verminderung unſeres Defizite. Neuere
ſorgfältige Unterſuchungen haben nämlich dargethan, daß bei entſprechender Erhöhung der
Gemüſe⸗ und Kartoffelportionen bei dem Mittagsmahl als Fleiſchration ſtatt 150 Gramm
auch 50 Gramm Fleiſch oder Fett pro Kopf ausreichen dürften. (Abgeordneter für
Sagen: In Plötzenſee!) Pyäſident: Herr Abgeordneter, ich bitte Sie, die Zwiſchenrufe
zn unterlaſſen. (Beifall rechts!) Neichskanzler fortfahrend: Es giebt ja bekanntlich ſehr
viele ehrenwerte Perſonen, die Vegetarier meine ich, welche den Fleiſchgenuß überhaupt nicht
Gun Bi in, ſondern für gerade, ſchädlich für den menſchlichen Organismus betrachten.
e rechts). ö a "
Vor Allem aber trachten wir große Erſparniſſe zu erzielen, indem wir in folgerichtigem,
weiteren Ausbau der ſozlalen Gleichheit engere Grenzen ziehen dem individualiſtiſchen Belieben
und damit dem blinden Walten von Angebot und Nachfrage, welches auch gegenwärtig noch
ebenſo die Produktion erſchwert, wie die Konſumtton verteuert. Die Geſellſchaft probuzirt
beiſpielsweiſe Lebensmittel, Hausgeräte, Kleidungsſtücke, aber die Nachfrage richtet ſich in eigen
ſinniger Laune — nennen wir es nun Geſchmack, Mode oder wie ſonſt — (Abgeordnete Fran
Reichskanzler: Oh, oh! — Der Reichskanzler hält inne und ſucht durch ein Glas Waſſer ſeiner
ſichtlichen Erregung üder den Zwiſchenlaut Herr zu werden). Ich ſage, die launiſche Mode
richtet ſich jetzt nur zu oft nicht auf die bereits produzirten Artikel dieſer Art, ſondern gerade
auf ſolche, welche bis dahin wenig oder garnicht produztrt worden ſind. Die von der Geſellſchaft
angebotenen Vorräte werden in Folge mangelhaften Abſatzes Ladenhüter, verderben, kurzum
erfüllen nicht ihren Zweck, nur weil es den Herren und Damen X. Y. Z. anders gefällt.
Oder iſt es etwa gerechtfertigt. den individualiſtiſchen Neigungen dieſer Perſonen darin nach⸗
zugeben, daß, man ihnen verſchiedene Waren für denſelben Zweck der Ernährung, Wohnung
und Bekleidung «zur Verfügung ſtellt, damit Herr und Frau X ſich anders nähren, wohnen
und kleiden können, als Herr und Fraun Y.? Welche Berwohlfeilerung der Produktion läßt
ſich dagegen erzielen, wenn ſtatt deſſen die Produktion ſich auf wenige oder am beiten auf
einen einzigen Gebrauchsgegenſtand für jeden beſonderen Zweck beſchränkt! Jeder Verluſt
durch Mangel an Abſatz würde vermieden werden, wenn von vornherem ſeſtſteht, daß die
ö Leiden und Damen X. Y. 8. ſich m der vom Staat vorgeſchriebenen Weiſe zu ernähren. zu
eiden und aus zuſtatten baben. N
Darum, meine Dame und meine Herren, gwird Ihnen die Regierung zunächſt vor⸗
' ſchlagen. bel der Ernährung dieſelbe Regelung auch für das Frühſtück und die Abendmahlzeit
einzuführen, welche von Anfang an für die Mittags mahlzeiten ſchon Platz gegriffen hat. Ebenſo
wird es die ſoziale Gleichheit fördern, wenn wir nunmehr auch den Hausrat in Bezug auf
Falle zu demſelben notwendigen Gegenſtände, wie Betten, Tiſche, Stühle, Schränke, Bettwäſche
und dergleichen verſtaatlichen. Indem wir derart jede Wohnung mit einem dem Staat ge⸗
hörenden und alfo in derſelben verbleibenden Ausſtattung verſehen, werden diejenigen Mühen
und Verluſte vermieden, welche gegenwärtig durch den Umzug der Bewohner entſtehen. Rune
mehr wird es auch erſt möglich, dem Grundſatz der ſozialen Gleichheit dei den Wohnungen
kotz der verſchiedenen Lage derſelben dadurch näher zu kommen, daß die Verloſung aller
Wohnungen künftig von Vierteljahr zu Vierteljahr erneuert wird. Die Möglichkeit, eine
Wohnung in der Beletage nach der Straße zu erlangen, erwächſt auf dieſe Weiſe für Jeder⸗
mann mit jedem Quarial aufs Neue (Heiterkeit links. Vereinzelter Beifall rechts.)
Ebenſo ſollen künftig für Jedermann nach Stoff, Farbe und Schnitt im Voraus ge
aan beſtimmte Rieidungsitüde hergeſtellt und mit genau vorgeſchriebener Tr agezeit verabfolg
e
— 40 —
werden. (Abgeordnete Fran Reichskanzler: Niemals, niemals! Aenßerungen des
Widerſpruchs auch bei den auf den Tribünen anweſenden Damen.)
Präfident: Es iſt nicht geſtattet, von den Tribünen Zeichen des Beifalls oder Miks
fallend & geben.
Neichskanzler fortſahrend: Ich bitte mich nicht mißzuverſtehen. Die Gleichheit der
Kleidung ſoll nicht ſoweit gehen, alle Verſchiedenhelten auszuſchließen. Im Gegenteil wollen
wir ſogar verſchiedene Abzeichen vorſchlagen, um die Damen und Herren der verſchiedenen
Provinzen, Orte, Berufskreiſe u. f. w. äußerlich erkennbar zu machen. Dadurch wird auch
die Ueberſicht und Auſſicht über die einzelnen Perſonen für die Kontrolbeamten des Staates
tanz außerordentlich erleichtert werden. (Hört, hört! links.) Infolge deſſen braucht die Ver⸗
mehrung der Auſſichtsbeamten, künftig je Einer auf 30 ftatt bisher auf 50 Perſonen, nicht
fo groß zu werden, wie es ſonſt der Fall fein würde, um in unſerm Staat, der in Wahrheit
alsdann ein Ordnungsſtaat ſonder Gleichen fein wird, (Ruf links: Zwangsſtaat. Der Prä⸗
ſident klingelt und bittet um Ruhe.), die ſtrenge Befolgung aller Geſetze und Verordnungen
zu ſichern, welche nunmehr in Bezug auf die Morgen⸗ und Abendmahlzeiten, die Kleidung
und Wohnung erforderlich werden.
ö Dies unſer Programm! Sind Sie damit einverſtanden, fo hoffen wir durch energiſche
Ausführung des ſelben nicht nur alsbald das Defizit in unſerm Volkshaus halt zu beſeitigen,
fondern auch unſer Volk auf dem Boden der fozialen Gleichheit in dem Maße zum Wohl⸗
leben und zur Glückſeligkeit emporzuführen, wie es nach und nach gelingt, die böſen Nach⸗
wirkungen der früheren Geſellſchaft auf die moraliſchen Eiganfchaften der Bevölkerung zu
überwinden. (Beifall rechts. Lebhaftes, wiederholtes Ziſchen links.) ö
. Präſident: Es dürfte ſich empfehlen, wie mir mehrſach mitgeteilt iſt, vor Eintritt
im bie Diskuſſion über den Vortrag des Herrn Reichskanzlers den Mitgliedern des Hauſes
Gelegenheit zu geben, kurze Anfragen an den Herrn Reichskanzler zu richten, fofern in dem
dargelegten Programm des ſelben dem einen oder dem andern noch dieſes oder jenes unklar
oder unvollſtändig erscheinen ſollte.
Neichskanzler: Ich bin gern bereit, alle an mich gerichteten Anfragen fofort zu
beantworten. .
Ein Abgeordneter der Regierungspartei erſucht den Herrn Reichskanzler, ſich
noch zu äußern in Bezug auf die künftige Beſchaffenheit der Frühſtücks⸗ und Abendmahl⸗
kinn ſowie darüber, ob die vorgeſchlagenen Maßnahmen eine Rückwirkung üben auf die
inrichtung der Geldzertifikate. N "
Reichskanzler: Ich bin dem verehrten Herrn Abgeordneten dankbar dafür, daß
‘er mich auf einige Unterlaſſungen in meinem Vortrage aufmerkſam gemacht hat. Die tägliche
Brotportion für erwachſene Perſonen ſoll künftig eine Einſchränkung von 700 auf 500 Gr. er⸗
fahren, um eine Ueberlaſtung der Verdauungsorgane zu verhüten. Das Stärkemehl, wie es in
großen Mengen im Schwarzbrot vorkommt, tritt erfahrungsgemäß leicht in einen ſauren
Gährungsprozeß, welcher oft Darmkatarrh und Diarrhoe veranlaßt. Abgeſehen von der
Brotportion, welche für den geſamten Tagesbedarf beſtimmt⸗ iſt, ſollen für das Frühſtück
verwandt werden für jede erwachſene Perſon 10 Gr. ungebrannten Kaffees und ein Deciliter
abgeſahnter Mich. Hieraus iſt je eine Portion von ½ Liter berzuftellen. Wir glauben, daß
bel ſolcher Zuſemmenſetzung einer aufregenden und ſchädlichen Erhitzung durch den Kaffeege⸗
nuß hinreichend vorgebeugt iſt (Heiterkeit links).
Abends werden wir ¼ Liter Suppe an jede erwachſene Perſon verabreichen laſſen,
und zwar abwechſelnd Mehlſuppe, Haſergrütz⸗, Reis⸗, Brotſuppe, Kartoffelſuppe; mitunter
ſoll an die Stelle dieſer Suppe ½ Liter abgeſahnter Milch treten. An den drei böchſten
politiſchen Feſttagen, den Geburtstagen von Bebel, Laſſalle und Liebknecht, werden Mittags ,
250 Gr. Fleiſch und ½ Liter Bier verabreicht. 25
Ich habe vorher noch vergeſſen, mitzuteilen, daß einmal in jeder Woche zu der etats⸗
mäßig mit 50 Gr. gefetteten Mittagskoſt oder zur Abendmahlzeit ein Hering verabreicht,
werden ſoll. 0 .
Uederall handelt es ſich hier um Vorſch läge, welche noch Ihrer Genehmigung bedürfen.
Indem wir aber dergeſtalt die Volksernährung auf einfache und natürliche Grundfätze zu⸗
rüdiuhren, erlangen wir die Möglichkeit, alle teureren uud koſtſpieligeren Nahrungsmittel ,
und chetränke, welche wir bisher produzirt haben, wie beiſpielsweiſe feineres Gemüſe, Wilde
bprei. Geflügel, feltene Fiſche, Schinken, Weine, foweit dieſe Produktion künftig Überhaupt
noch iatifindet, in das Ausland abzuſetzen. Damit hoffen wir denk in den Stand geſetzt zu
werden, diejenigen notwendigen Lebens mittel, welche wir aus dem Auslande zur Innehaltung
des bei riebenen Speiſeetats bedürfen, mie ins beſondere Brotgetreide und Kaffee, begleichen .
„innen. a a
— 41 —
Was die Geldzertiſikate anbetrifft, fo wird Ihnen einleuchten, daß die größere Aus
dezmung der Naturallieferungen eine entſprechende Einſchränkung der auf eine Geld ſumme
lautenden Kupons zur Folge haben muß. Wir beabſichtigen auch noch, das erforderliche
tz und Beleuchtungs material für jedes Wohngelaß künftig in natura in @emäßhelt eines
ſtimmten Etats zu liefern. Ebenſo ſollen die Centralwaſchanſtalten künftig die Wäſche,
natärlich tunerhalb gewiſſer feſtgeſetzter Maximalgrenzen, unentgeltlich beſorgen.
Unter ſolchen Berhältniſſen, glauben wir, dürfte für Extra⸗Speiſen und ⸗Getränke, für
Tabak, Seife, Anſchaffung von Privatkleidung sſtücken, kleinen Inventarſtücken, Reifen, Wer
gnũ gung en, kurzum für alles, was ſonſt nach das Herz begehrt, eine Geldanweiſung auf
1 Mi für je 10 Tage an jede erwachſene Perſon des Richtige treffen (Heiterkeit links). Die
Bersvendung dieſer Mark ſoll nicht den mindeſten Einſchräukungen oder Kontrollen von
Seiten der Geſellſchaft unterliegen. Sie ersehen auch daraus, daß wir weit entfernt find,
dem inbividualiſtiſchen Belieben feinen wirklich berechtigten Spielraum einſchränken zu wollen.
Ein Abgeordneter der Freiheitspartei richtet an den Reichskanzler die Frage, wie
mau nach einer Ausdehnung des Maximalarbeitstages auf 12 Stunden einer daraus folgen-
den größeren Läſſigkeit in Erfüllung der Arbeitspflicht zu begegnen gedenke und welche
Stellung die Reichs reglerung einnebme zur Frage der Volksbermehrung. N
Reichskanzler: In Bezug auf Vergehen gegen die Arbeitspflicht dürfte allerdings
die Ausdehnung des Arbeitstages eine Bervollitändigung des Syſtems der Strafarten not-
wendig machen durch Einführung der Entziehung des Beitlagers, des Dunkelarreſtes, des
Lattenarreſts und für Wiederholungsfälle auch der Prügelſtrafe. (Pfuirufe von der Tribüna)
Der Präſident droht, wenn trotz feiner Warnungen nochmals Kundgebungen von
der Tribüne erfolgen, dieſelbe ſofort räumen) zulaſſen.)
Ich bitte mich nicht mißzuverſtehen, wir werden in Bezug auf die Prügelſtraſe nicht
empfehlen, über 30 Streiche hinauszugehen. Es kommt uns nur darauf an, das ſozial⸗
demokratiſche Bewußtſein der Arbeitspflicht auch in körperlich Widerſtrebenden auf dieſe
Weiſe zum Durchbruch zu bringen. a
Hinſichtlich der Regulirung der Volksvermehrung halten wir im Prinzip an dem
Bebelſchen Grundſatz feſt, daß unſer Staat jedes Kind als einen willkommenen Zuwachs der
Sozialdemokratie be trachtet. (Beifall rechts.) Allerdings muß auch dies feine Grenzen
haben, und können wir nicht dulden, daß eine zu weit gehende Volksvermehrung das Cleich⸗
gewicht im Volkshaushalt wieder in Frage ſtellt, nachdem es durch die vorgeſchlagenen
Maßregeln demnächſt erzielt fein wird. Es dürfte indeſſen, wie wir Ihnen in der Budget-
lommiſſion noch näher klar zu machen hoffen, entſprechend den von Bebel ſchon früher im
dankenswerter Weiſe gegebenen Fingerzeigen möglich ſein, die Bevölkerungszahl durch die
Nährweiſe in erheblichem Maße zu reguliren. Denn wie Bebel ebenfo ſchön als treffend
tagt, der Sozialismus iſt die mit klarem Bewußtfein in voller Erkenntnis auf alle Gebiete
menſchlicher Tätigkeit angewandte Wiſſenſchaft (Lebhafte: Beifall rechts.)
Präsident: Da weiter keine Fragen an den Herrn Reichskanzler geftellt werden, fe
können wir nunmehr geſchäftsordnungsmäßig in die Diskuſſion ſelbſt eintreten. Ich werde
den Rednern der beiden großen Parteien zur Rechten und zur Linken abwechſelnd das Wort
erteilen und mit der linken Seite beginnen. Das Wort hat der Herr
Abgeordnete für Hagen: Mich gelüſtet es durchaus nicht, den Herrn Reichskanzler
nach Einzelheiten ſeines Programms zu fragen, denn was wir jetzt ſchon in der Praxis
von den Früchten der ſozialdemokratiſchen ſogenannten Ordnung vor uns feben und nach
den bisberigen Ankündigungen des geehrten Herrn demnächſt noch zu erwarten haben, iſt
ſchon überreichlich, um die Seele mit Widerwillen und Abſcheu zu erfüllen gegen diejenigen
Buftände, welche uns die Sozialdemokratie in Deutſchland gebracht hat. (Große Unruhe
rechts, lebhafter Beifall links). Allerdings die grauenhafte Wirklichkeit übertrifft ſelbſt das⸗
jenige, was als Folge einer Verwirklichung des ſozialdemokratiſchen Programms ein frühes:
Abgeordneter meines Wahltreifes vorausgeſehen hat. (Rufe rechts: Aha, der „Irrlehren⸗
mann“, der „Sozialiſtentöter!“) Ich ſehe, die Herren auf der rechten Seite haben die Schrift
des verſtorbenen Abgeordneten Eugen Richter über „die Irrlehren der Sozialdemokratie“
noch immer nicht verwinden können *).
Hätten Sie ſich nur damals aus Ihren Irrlehren heraus zu Haren Begriffen über
den Zuſammenhang der wirtſchaſtlichen Dinge zu erheben vermocht! Das Jahres deſizit vom
12 Milliarden, vor dem Sie jetzt ſtehen, bedeutet die Bankerotterklärung der Sezialdemskratle.
6) Offenbar iſt hier gemeint die Ende 1890 in einer Auflage von 80 000 Exemplaren
erſchlenene Schrift des Abgeordneten Engen Richter über „Die Irrlehren der Sozialdemokratie“
Berlin SW., Bimmerlir. 8, Expedition der „Iteiſinnigen Zeitung“, Preis 50 Pfg.
— 2 —
(Oreher Lärnı rechtes.) Sie, Herr Reichskanzler, verhüllen nur den Thatbeſtand, wenn Sie
das Milliardendeſizit verſuchen in erſter Reihe den Feinden der Sozialdemokratie zur Laſt
legen. N
1 160 Allerdings ftarrt Deutſchland jetzt von Soldaten und Polizeibeamten, wie wie zuvor.
Wenn aber in der Sozialdemokratie alle Lebensverhältniſſe nach Innen und nach Außen
der Elnwirkung des Staates unterſtellt werden, fo müſſen Sie auch die dazu gehörigen
Balftreder der Staatsgewalt in den Kauf nehmen Es iſt richtig, unſer Außenhandel liegt
Hägl ich darnieder, aber was anders iſt daran Schuld, als die Umgeſtaltung der Produktion
und Konſumtion bei uns und in den ſozialdemokiatiſchen Nachbarländern!
Doch alles dies reicht ja nicht aus, das Mill iardendefizit auch nur zu einem Viertel
u eiflären. Der Herr Reichskanzler will das Defizit teilweiſe aus der Verkürzung der
rbeitszeit herleiten. Aber die Arbeitszeit währte vor der Umwälzung durchſchnittlich noch
nicht 10 Stunden und würde dei einer ruhigen, friedlichen Fortentwicklung ohne Schädigung
der Produktion von ſelbſt eine allmähliche Verkürzung erfahren haben. Nicht ſo ſehr der
Beitumfang der Arbeit, als die Verſchlechte rung derſelben, mit einem Wort, die jetzt überall
eingeriſſene Faullenzerei (Oho! rechts) trägt die Schuld an dem Rückgang der Produktion.
Die Arbeit wird jetzt wieder, wie. in früheren Jahr hunderten, nur als Frohndienſt, als
Sklavendienſt betrachtet. Der gleiche Lohn für verſchledene Leiſtung, die Ausſichtsloſigkeit,
durch Fleiß und Geſchicklichkeit zu einer, Verbeſſerung der eigenen Verhältniſſe gelangen zu
knnen, alles dies wirkt zerſtörend auf Arbeitsluſt und Arbeitskraft.
0 Auch des halb iſt die Arbeit nicht mehr fo produktiv, wie früher, weil mit dem
privaten Unternehmer jener ſorgſame Leiter der Arbeit fehlt, der eine Vergeudung von
Material und Kräften verhindert und die Produktion den Bedürfniſſen und der Nachfrage
anpaßt. Ihren Betriebs leitern fehlt jedes eigene Intereſſe, fehlt die Aufſtachelung, welche
rüher auch dort, wo Staatsbetriebe beſtanden, die Konkurrenz der Privaten mit ſich brachte.
hnen predigt jetzt das Milliardendefizit, daß der Unternehmer kein Ausbeuter und auch
keine überflüſſige Drohne war, und daß ſelbſt fleißige Arbeit, wenn ſie nicht zweckentſprechend aus⸗
geführt wird, Kraft⸗ und Stoffvergeudung ſein kann. Auch der Großbetrieb, wie Sie
ihn ſchablonenmäßig überall eingeführt haben, ſelbſt dort, wohin er garnicht paßt, beein
trüchtigt den Ueberſchuß der Produktion. N
Wohin ſind wir geraten? In dem Beſtreben, die Nachteile der ſozialdemokratiſchen
Produktionsweiſe auszugleichen, kommen Sie zu Beſchränkungen der perſönlichen
und wirtſchaftlichen Freiheit, welche Deutſchland nur noch als ein einziges
roßes Zucht haus erſcheinen laſſen. (Großer Lärm rechts, Beifall links und auf den
ribünen Der Präſident droht, bei weiteren Kundgebungen der Tribünen dieſelben
ſoſort räumen zu laſſen.) Gleiche Arbeitspflicht, gleiche Arbeitszeit, zwangsweiſe Zu⸗
teilung zu beſtimmten Arbeiten, dergleichen kannten wir früher nur in den Straf⸗
anſtalten. Selbſt dort aber gönnte man dem fleißigen und geſchicktn Arbeiter.
noch einen Extraverdienſt. Gleich den Gefängniszellen in Strafanſtalten werden die
Wohnungen jetzt den Einzelnen angewieſen. Das fiskaliſche Inventar, welches hinzukommen
ol, wird die Aehnlichkeit noch ſteigern. Die Familien find auseinandergeriſſen. Müßten
Sie vicht das Aus ſterben der Sozialdemokratie befürchten, Sie würden Mann und Frau
vollends von einander trennen, wie in den Geflüngniſſen.
Ebenſo wie zur Arbeit, fo hat in dieſer ſozialdemokratiſchen Geſellſchaft Jedermann
zur vorgeſchriebenen Ernährung in den dafür beſtimmten Tageszeiten anzutreten. Plötzenſee
rief ich mit Recht, als der Herr Reichskanzler feinen Küchenzettel beſchrieb. Der Küchen⸗
zeitel in dieſer Strafanftalt iſt ſeinerzeit vielleicht beſſer, jedenfalls nicht ſchlechter geweſen.
Damit die Aehnlichkeit mit den Strafanſtalten vollſtändig wird, kommt nunmehr auch der
leiche Anzug hinzu. Auſſeher haben wir ja ſchon in den Kontroleuren, auch Schildwachen,
lche das Entweichen der zur Sozialdemokratie Verurteilten über die Grenze verhüten. In
uniern Zuchthäuſern befand nur ein zehnſtündiger, nicht ein zwölſſtündiger Maximalarbeits⸗
tag. Die Prügelſtrafe, welche Sie zur Durchführung dieſes zwölſſtündigen Normalarbeits⸗
tages jetzt einzuführen genötigt find, wurde ſeinerzeit ſelbſt in manchen Zuchthäuſern für
entbehrlich ange ſehen. Aber im Zuchthaus war menigſtens eine Begnadigung möglich, welche
auch für lebenslänglich Eingeſperrte den Weg zur Freibeit öffnen konnte. Ihrem ſozial⸗
demskratiſchen Zuchthaus aber iſt man lebenslänglich verfallen, da führt nichts hinaus als
Seibſtentleibung. (Bewegung.)
Sie ſuchen alles dies aus Uebergangsverhältniſſen zu erklären. Mit nichten, die Zuſtän de
werden immer ſchlimmer werden, je länger die Sozialdemokratie die Herrschaft führt. Sie
daben erſt die oberſten Stufen zurückgelegt, welche zum Abgrunde führen. Noch erhellt Sie
zue Licht des Tages, von weichem Sie ſich abwenden. Alle Bildung, alle Uebung, alle
Beichidlichtet für die Arbeit verdanken Sie noch den früheren Zuſtänden. In den ſoztal⸗
demokratiſchen Bildungsanſtalten aber verlottert jetzt die Jugend, nicht weil es ihr an Zett
und Bildungsmitteln gebricht, ſondern weil dem einzelnen das Intereſſe fehlt, ſich ſolche
Bildung auch anzueignen als Bedingung für das ſpätere Fortkommen.
Sie leben noch von dem Bildungs kapital und ebenſo von dem wirtſchaftlichen Kapital,
welches Ihnen aus der früheren Ordnung überkommen iſt. Sie vermögen aber jetzt nichts mehr
zu erübrigen für neue wirtschaftliche Anlagen, Berbefierungen, Wege, Gebäude u. |. w. Im
Gegenteil, Sie laſſen das Vorhandene verfallen, Ihnen fehlen die Mittel dazu, weil Sie mit
dem Unternehmergewinn auch den Zins anſpruch beſeitigt haben, welcher früher die
Privaten veranlaßte, forigeſetzt neues Kapital zu bilden.
Jeder wirtſchaftliche und wiffenſchafeliche Fortſchritt hat mit der Beſeitigung ber
treien Konkurrenz aufgehört. Das Eigenintereſſe forderte früher den Scharfſinn und
die Erfindungsgabe jedes einzelnen heraus, aber der Wetteiler vieler Gleichſtrebenden zwang
die Frucht der eigenen Anſtrengungen wieder der Allgemeinheit zu Gute kommen zu laſſen.
Alle Vorſchläge des Herrn Reichskanzlers decken das dorfandene 12 Milltardendefizit
jo wenig, wie ſolche Organiſation der Produktion und Konſumtlon ſeinerzeit in den Zucht⸗
hänſern im Stande war, auch nur den dritten Teil der laufenden Koſten dieſer Anſtalten
zu decken. Bald werden Sie wieder trotz des Programms des Reichkanzlers vor einem
neuen und zwar noch größeren Defizit ſtehen. Darum freuen Sie ſich nicht allzu ſehr über
alle Geburten als einen Zuwachs für die Sozialdemokratie. Im Gegenteil, denken Sie
darüber nach, wie Sie eine Verminderung der Bevölkerung von oben herab regultren.
Selbſt in der kümmerlichey Weiſe, wie es der Herr Reichskanzler jetzt in Ausſicht zu
nehmen gezwungen iſt, vermag Deutſchland auf der Grundlage Ihrer Geſellſchaftsordnung
nur eine dünne und ſpärliche Bevölkerung dauernd zu erhalten. Für die fozlaldemos
kratiſchen Nachbarſtaaten gilt dasſelbe. Das eherne Geſetz der Selbſterhaltung wird die
Sozialdemokratie daher hüben und drüben nötigen, ſich gegenſeitig totzuſchlagen, bis der⸗
jenige Ueberſchuß von Menſchen vertilgt iſt, der nur bei einem Kulturleben, wie Sie es mit
der früheren Geſellſchaftsordnung zerſtört haben, in Europa lebensfähig iſt. ö
Bis jetzt iſt meines Wiſſens die Hoffnung Bebels, die Wüſte Sahara durch Be⸗
wäſſerung in üppige Ländereien umzuwandeln und den Ueberſchuß der europäiſchen
Sozialdemokratie dorthin abzugeben, noch in keiner Weiſe ihrer Erfüllung näher gerückt.
Ebenſowenig dürfte die Neigung unter Ihren für Deutſchland überflüſſigen Genoſſen ſehr
verbreitet fein, im Norden von Norwegen und Sibirien ſich anzuſiedeln, wie dies feiner
Zeit Herr Bebel die Güte hatte für die ſozlaldemokratiſche Uebervölkerung in Ausſicht zu
nehmen. (Heiterkeit links.) N
Ob auf dem jetzt beſchrittenen Wege zum Untergang unſeres Volkes noch ein Auf⸗
enthalt möglich iſt, ich weiß es nicht Viele Milliarden an Werten hat die Umwälzung ſchon
Fer Milliarden müßten weiter geopfert werden, um die jetzt vorhandene Desorganiſation
Volks wirtſchaft wieder zu beſeitigen.
Wäbrend wir im alten Europa derart Dank Ihren Beſtrebungen dem Untergang ent⸗
gegentreiben, erhebt ſich jenſeits des Meeres immer wohlhabender und mächtiger ein Gemein⸗
weſen, das auf dem Privateigentum und der freien Konkurrenz beruht und deſſen Bürger
ſich niemals ernſthaft von den Irrlehren der Sozialdemokratie haben beſtricken laſſen.
Jeder Tag der Verzögerung in der Befreiung unſeres Vaterlandes von dieſer unſeligen
Berirrung der Geiſter führt uns dem Abgrunde näher. Darum nieder mit dem ſozial⸗
demokratiſchen Zuchthausſtaat, es jebe die Freiheit! (Stürmiſcher Beifall auf
der linken Seite und auf den Tribünch, lebhaftes Ziſchen und große Unruhe auf der
rechten Seite.) N
Der Prüſident ruft den Redner wegen der Aeußerungen am Schluß feiner Rede
Drnounen und befiehlt, in Anbetracht der wiederholten Kundgebungen, die Räumung
ibünen,
Ju Folge Räumung der Tribünen, welche mit nicht geringen Schwierigfeiten
erfolgte, mußte auch ich vom Platze weichen und kann deshalb über den weiteren
Verlauf der Sitzung nicht berichten. Indeſſen verfügt die Regierung bei unſeren
Zuſtänden dekauntlich über eine ihr ſklaviſch ergebene Reichstagsmehrheit, ſodaß die
Annahme der vom Reichskanzler angekündigten Vorlagen von vornherein keinem
Zweifel unterliegt. Auch die Erregung der Gattin des Reichskanzlers über die von
tbrem Gemahl angekündigte neue Kleiderordnung vermag daran nichts zu ändern.
2
— 4
30. Strike in Sicht.
Das nene Programm des Reichskanzlers zur Deckung des Mi Tiardendeſtzitz
iſt in Berlin faſt überall nur mit Hohn und Spott aufgenommen worden. Was
daraus weiter folgt, vermag Niemand abzuſehen. Schon lange beſtand eine beſondere
Gährung unter den Metallarbeitern, insbeſondere auch unter den Maſchinenbauern.
Sie rühmen ſich, bei der großen Umwälzung das Beſte gethan zu haben, und
behaupten jetzt, um die Erfüllung der Verſprechungen, welche die Sozialdemokratie
nen früher gemacht, ſchmählich geprellt zu ſein. Man hat ihnen allerdings
der großen Umwälzung ſtets „den vollen Ertrag ihrer Arbeit“ verſprochen.
Ausdrücklich und wiederholt, fo jagen fie, hat dies Schwarz auf Weiß im „Vorwärts
geſtanden. Nun aber erhalten ſie nur dieſelben Arbeitslöhne wie alle andern.
Wenn man den vollen Wert der aus ihren Werkſtätten hervorgegangenen
Fabrikate und Maſchinen auf fie verteilte, nach Abzug der Koſten der Rohſtoffe und
Shale fo fagen fie, gebühre ihnen ein Vielfaches von dem, was fie jetzt
erhalten.
Vergebens hat der „Vorwärts“ ihnen ihre Auffaſſung als Mißverſtändnis
auszureden verſucht. Die Sozialdemokratie hätte, ſo meint jetzt der „Vorwärts“,
nicht den Arbeitern jedes einzelnen Berufs den vollen Ertrag ihrer beſonderen
Berufsarbeit verſprochen, ſondern nur der Geſamtheit aller Arbeiter den vollen
Ertrag der Arbeit des ganzen Volkes. Was aus den Werkſtätten der Metall⸗
arbeiter hervorgeht, entſtehe doch nicht bloß durch Menſchenarbeit, ſondern auch
durch Mitwirkung vieler koſtſpieligen Maſchinen und Werkzeuge. Große Gebäude
und Betriebsmittel find dazu erforderlich. Alles dies iſt doch nicht durch die zur
Zeit in dieſen Werkſtätten thätigen Arbeiter geſchaffen worden. Dafür, daß die
Geſellſchaft dieſes geſamte Anlage⸗ und Betriebskapital ſtellt, gebührt ihr auch
aus dem Arbeitsertrage dasjenige, was nach Auszahlung der für alle Arbeiter
in der Geſamtheit gleichen Löhne an die einzelnen übrig bleibt.
Das will nun den Eiſenarbeitern nicht in den Sinn. Sie meinen, daß, wenn
jetzt der Staat oder die Geſellſchaft diejenigen Dividenden ſchluckt, welche früher
die Aktionäre ihrer Anlagen bezogen für Hergabe des Kapitals, ſo ſei dies für ſie
„Hoſe wie Jacke“. Dafür hätte es nicht gelohnt, die große Revolution zu machen.
Seitdem nun die Ausdehnung der Arbeitspflicht auf täglich 12 Stunden in
Sicht gekommen, ſind die Eiſenarbeiter noch erbitterter. Täglich 12 Stunden am
Feuer und an Metall arbeiten iſt doch etwas ganz anderes, als 12 Stunden im
Laden auf Kunden lauern oder Kinder warten.
| Kurz und gut, fie verlangen den „vollen Arbeitsertrag“ in ihrem Sinne, und
war bei höchſtens 10 ſtündiger Arbeitszeit. Zur Nachtzeit haben ſchon große Vers
ſammuungen der Metallarbeiter in der Jungfernheide und in der Wuhlheide ſtattge⸗
funden, um die gewaltſame Durchführung ihrer Forderungen zu beraten. Man
ſpricht von einer bevorſtehenden Arbeitseinſtellung der 40 000 Metallarbeiter und
Ma ſchinenbauer, die in Berlin thätig ſind.
31. Proßnoten des Auslandes.
Auch in Rußland und Frankreich wiſſen die ſozialdemokratiſchen Regierungen
der inneren Schwierigkeiten nicht Herr zu werden. Sie ſuchen deshalb den Unmut
ihrer Bevölkerung nach außen abzulenken. Der Dreibund iſt von den ſozialde⸗
mokratiſchen Regierungen ſogleich aufgelöſt worden. Augenblicklich wird Oeſterreich⸗
Ungarn von Italien in Iſtrien und Wälſchtirol bedroht. Dieſer Zeitpunkt erſcheint
Frankreich und Rußland günſtig, um gegen Deutſchland vorzugehen. Beide Staaten
haben an unſer auswärtiges Amt gleichlautende Noten gerichtet, in denen binnen
10 Tagen Bezahlung der aufgelaufenen Warenſchulden Deutſchlands verlangt wird.
Wie kommt denn Frankreich dazu? Wir haben doch im Grunde genommen
uurmoch Weinſchulden an dasſelbe für einige Millionen Flaſchen Champagner, welche
f
— 5 —
iu erſten Frendenrauſch nach der großen Umwälzung und vot der ſtaatlichen Regelung
der Konſumtion bei uns vertrunfen worden find. Aber Rußland hat hinterliſtiger
Weiſe einen Teil feiner Forderungen an uns an Frankreich cedirt, um eine Grund⸗
lage zu ſchaffen für ein gemeinſames Vorgehen. Unſere Schulden an Rußland find
jetzt allerdings bis über eine Milliarde Mark aufgelaufen, obgleich wir nur die auch
früher ſtatigefundene Lieferung von Getreide, Holz, Flachs, Fer, u. |. mr bezogen
haben, weil wir alles dies zu unſerem Volksunterhalt abſolut nicht entbehren können.
Die Fabrikate, welche wir ſonſt an Rußland und Frankreich zum Ausgleich lieferten,
find in der letzten Zeit faft ſämtlich als angeblich mangelhaft und nicht preiswürdig
dort zurückgewieſen worden. Früher hätte man den Ruſſen einfach die ruſſiſchen
Papiere oder deren Kupons, von denen damals in Deutſchland genug vorhanden
waren, in Zahlung geben können. Jetz: fehlen uns in Ermangelung von 2 ieren
und Edelmetallen Ausgleichsmittel ſolcher Art. |
Das willen unſere beiden braven Nachbarn auch ſehr wohl, und haben bes-
halb in ihren Noten durchblicken laſſen, daß fie un Falle längeren Säumens in der
Bezahlung der Schuld ſich genötigt ſehen würden, Teile von Poſen und Oſtpreußen
ſowie Elſaß⸗Lothringen in Pfandbeſitz zu nehmen. Beide Staaten erklärten fich
bereit, eventuell in Verhandlun en zu treten über Erlaß der Schulden, falls Deutſch⸗
land geneigt ſei, dieſe Landesteile endgiltig abzutreten. Iſt dies nicht eine beleidigende
Frechheit ſondergleichen? ö
In Deutſchland iſt an ausgebildeten Mannſchaften, Gewehren, Pulver und
Blei kein Mangel. Alles dies iſt von dem früheren Regiment reichlich hinterlaſſen
worden. Aber leider mangelt es in Folge des Rückgangs der Produktion und in
Folge der Aufzehrung der Vorräte auf den Eiſenbahnen an Kohlen für die Militär⸗
transporte, während die Feſtungen und Feldintendanturen über Mangel an Fleiſch,
Mehl und Hafer für den Unterhalt der Truppen klagen. N
Inzwiſchen haben die Franzoſen das Großherzogtum Luxemburg annektirt.
Dasſelbe iſt nach Auflöſung des Zollvereins ſozuſagen ins Freie gefallen. Die Miß⸗
ſtimmung über die Auflöſung der alten Handels beziehungen zu Deutſchland iſt von
einer Partei im Lande benußt worden, um die Franzoſen herbeizurufen. Dieſelben
find auch alsbald über Longwy eingerückt. Franzöſiſche Kavallerie iſt ſchon an der
kıgemburgifch-deutfchen Grenze vor Trier geſehen worden.
32. Maffenfirike und Kriegsausbruch zugleich.
Alle Elſenarbeiter in Berlin und Umgegend ſtriken ſeit heute früh, nachdem
Ihre Forderungen der Gewährung des „vollen Arbeitsertrages“ abgewleſen worden
find. Die Regierung hat ſofort verfügt, allen Eiſenarbeitern die Mittagsmahlzeit und
Abendmahlzeit zu ſperren. In allen Staatsküchen find die Beamten angewieſen, die
Geldzertifikate der Eiſenarbeiter zurückzuweiſen. Dasſelbe gilt von allen Reſtaurgtionen
und Verkaufsläden, in welchen die Eſenarbeiter beſtimmungsgemäß ihre Lebensmittel
zu entnehmen haben. Die betreffenden Lokalitäten werden durch ſtarke Abteilungen
der Schutzmannſchaft bewacht. Auf dieſe Weiſe hofft man die Strikenden in der
klürzeſten Friſt auszuhungern, da diejenigen Brotkrumen und Speiſereſte, welche ihre
Frauen und Freunde von der ihnen zustehenden Portion für ſie erübrigen können,
nicht lange ausreichen dürften. ot
Es kommt dazu, daß feit heute früh für die gefamte Bevölkerung die Brote
rationen auf die Hälfte herabgeſetzt und die Fleiſchrationen gänzlich in Wegfall ge-
bracht ſind. Man hofft dadurch noch ſoviel zu erübrigen, um die Grenzſeſtungen
noch einigermaßen verproviantixen zu können. Denn inzwiſchen hat die ſogenaunte
Auspfändung Deutſchlands ſchon begonnen. Franzöſiſche Kavallerie iſt aus dem
Großherzogtum Luxemburg über die deutſche Grenze vorgedrungen, über die
Moſel geſeßt und hat die Bahnlinien Trier⸗Diedenhoſen und Trier⸗Saarlouis unter⸗
brochen. Andere franzöſiſche Heereskörper ſind, geſtützt auf Longyon, Conflans,
Bont-A-Mouſſon, Nancy und Lüneville über die lothringiſche Grenze vorgedrungen,
*
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um Meß unb Diedenhofen zu belagern und einen Vorſtoß im der Nichtung au
Mörchingen zu machen. Die beiden Feſtungen ſollen nur auf höchſtens 8 Tage mil
Lebensmitteln verſehen ſein. Dasſelbe gilt von Königsberg, Thorn und Graudenz
gegen welche ruffiiche Heeresſäulen, gleichfalls um die Auspfündung vorzunehmen
in Anmarſch find. Es ſcheint zunächſt darauf abgeſehen zu ſein, Oſtpreußen gleich⸗
kin im Oſten und im Süden anzugreifen, um nach deſſen Beſetzung die öftliche
ugriffslinie gegen Deutſchland zu verkürzen und daneben die Pferdeverſorgung der
deutſchen Armee aus Oſtpreußen zu verhindern. Die Landwehr und der Landſturn
in Oſtpreußen eilen an die Grenze. Aber leider ſtellt ſich heraus, daß es für die
Landwehr und den Landſturm vielfach an den notwendigſten Kleidungsſtücken gebricht.
Denn große Partien von Stiefeln und Unterkleidern ſind nach der Umwälzung in
Folge unzureichender Produktion zur Deckung des Bedarfs der Civilbevölkerung
verwendet worden.
| Doch es wird mir unmöglich, dieſe Aufzeichnungen in ihrem bisherigen Umfang
weiter fortzufegen Denn von morgen ab tritt die Verlängerung der Arbeitszen
auf 12 Stunden in Kraft. Ich will daher dieſes Buch demnächſt abſchließen und
an Franz und Agnes nach New⸗Dork alles Geſchriebene überſenden. Mögen dieſelben
dies zur Erinnerung an mich und dieſe ſturmbewegte Zeit für Kind und Kindes-
finder aufbewahren. Man behandelt mich auch jetzt derartig als polttiſch verdächtig
Paper nicht mehr ſicher bin vor einer Hausſuchung und Beſchlagnahme meiner
ere. .
33. Die Gegenrevolution Beginnt.
Die ſtrikenden Eiſenarbeiter wollen ſich nicht aushungern laſſen. Ich hatn
meinen Schwiegervater im Schloß Bellevue beſucht, wo derſelbe ſich in der dort
eingerichteten Altersverſorgungsanſtalt befindet. Da höre ich, daß Eiſenarbeiter,
welche ſich in den ehemals Borſigſchen Werken verſammelt hatten, den Verſuch
machen, das Brotmagazin zu ſtürmen, welches ſich Schloß Bellevue gegenüber am
andern Ufer der Spree zwiſchen dieſer und dem Eiſenbahndamm befindet. Indeß
alle Zugänge zu dem großen Platz, auf welchem fich die Proviantmagazine befinden,
find geichloffen. Die Arbeiter wollen über die hohen Mauern klettern, da geben
die Innern aufgeſtelltend Schutzmannspoſten Feuer und die Kletterer büßen
das Wagnis mit dem Leben.
Die Eifenarbeiter. erklettern nun den Eifenbahndamm, welcher Ausſicht
auf das Innere des Platzes gewährt, auf dem ſich die zwiſchen dem Damm und
der Spree liegenden Proviantgebäude befinden. Sie reißen die Schienen auf. durch⸗
ſchneiden die Telegraphendrähte; aber wiederum bedecken Tote und Verwundete den
Platz infolge des ers der Schutzmannſchaft aus den Fenſtern und Luken der
»Provpiantgebäude.
Nun ſetzen ſich die Eiſenarbeiter in den oberen Stockwerken der hinter den
Eiſenbahndamm liegenden Häuſer der Lüneburger Straße feſt. Aus den Fenſtern
dieſer Häuſer einerſeits und der Proviantgebäude andererſeits entſpinnt ſich ein
heftiges Feuergefecht. Die Minderzahl der Beſatzung der Proviantgebäude verfügt
über beſſere Waffen und reichlichere Munition. N
Neue Trupps der Eiſenbahnarbeiter verſuchen inzwiſchen von dem Helgoländer
Ufer aus in die Umfaſſungsmauern des Platzes, auf welchem ſich die Proviant⸗
peoäube befinden, Breſche zu legen. Aber durch den Schloßgarten von Bellevue
ſt inzwiſchen unbemerkt Verſtärkung der Schutzmannſchaft im Laufſchritt hinzuge⸗
kommen, hat die Fußgängerbrücke beſetzt, welche ſich gedeckt unter der Eiſenbahn⸗
brücke befindet, und von dort ein mörderiſches Feuer auf den größtenteils unbewaff⸗
neten Menſchenhaufen duf dent Helgoländer Ufer eröffnet. Unter furchtbaren
Rachegeſchrei ſtiebt derſelbe auseinander, Knäuel von Toten und Verwundeten zurück⸗
laſſend. Jetzt heißt es, die Artillerie der Schutzmannſchaft ſei herbeigerufen worden
um vom andern Spreeufer aus die Lüneburger Straße zu beſchießen. N
*
|
Ich verlafle den Kiutigem Schauplatz, wu auf einem e durch den
Tiergarten mich nach Berlin S. W. zu begeben. Ueberall ſtehen die Menſchen anf
zeregt trmpprvelle beiſammen. In Berlin S. W. haben noch keine Gewaltthätig⸗
kiten ſtattgefunden, aber man hört, daß die Eiſenarbeiter in der Er ſtürmung der
Beotmagnzine in Tempelhof und in der Köpenickerſtraße erfolgreicher geweſen ſind.
Auch zahlreiche Gewehre und Munitionsvorräte, ſollen an verſchiedenen Stellen
u ihre Hände gefallen ſein. Sicheres iſt nicht zu erfahren, aber man raunt ſich
in, daß der Aufſtand auf dem rechten Spreeufer immer allgemeiner werde
Die Schutzmannſchaft war in der letzten Zeit auf 30 000 Mann gebracht
worden. Sie beſteht aus fanatiſchen Sozialdemokraten, welche man aus dem gan
Reich ausgewählt hat. Auch iſt ihr zahlreiche Kavallerie und Artillerie beigege
worden. Aber was werden die über ganz Berlin zerſtreuten Abteilungen vermögen,
10 6 deb Bevölkerung von 2 Millionen wirklich allgemein an allen Ecken und Enden
ch erhebt.
Das rauchloſe Pulver erleichtert gegen früher das Niederſchleßen aus den
Hinterhalt. Die jetzigen Schußwaffen kommen beſonders der gedeckten Stellung in
den Häuſern zu ſtatten. .
ortgeſetzt eilen durch S. W. Trupps von Schutzleuten zu Fuß im Laufſchrit
und zu Pferde im Trab nach den Linden zu. Die bewaffnete Macht ſcheint in
Berlin C. am Schloß und Unter den Linden zuſammengezogen zu werden. Wie
wird das enden ? N '
Ich fand Großvatet bei meinem Beſuch recht ſtumpf und teilnahm In
Ermangelung eines Familienkreiſes und einer anregenden Umgebung nebufen feine
Geiſteskräfte reißend ab. Er erzählte mir mehrmals dasſelbe, that wiederholt
Fragen nach Dingen, die ſchon beantwortet waren, und verwechſelte ſogar die Perſonen
und Generationen in feiner Familie. Ein trauriges Alter
34. Anheilvolſle Nachrichten.
Der ſchlimmſte Tag meines Lebens! Ich habe meine Frau beſucht, ſie kaunte
mich nicht mehr, redete irre. Ihr Gemütsleiden, die Folge des Todes von Annie
und aller Aufregungen und Erſchütterungen dieſer Monate, hat, wie mir der Arzt
ſagt, ſich als ein unheilbares herausgeſtellt. Sie leidet unter der Wahnvorſtellun
ee be gen und ſoll noch heute hinausgebracht werden in eine Anita
re.
he
Fünfundzwanzig Jahre lang haben wir Freud und Leid zuſammen ertragen
und in innigſtem Gedanken⸗ und Herzensaustauſch gelebt. Vor mir zu ſehen die
Genoſſin meines Lebens, das alte, liebe Geſicht, die treuen Augen, fremd und irre,
es iſt ſchrecklicher, als durch den Tod getrennt zu werden!
Draußen ſtürmt es von allen Seiten immer wilder. Doch was kümmert mich
alles dies bei dem Seelenſchmerz in meinem Innern! Es ſollen in Oſtpreußen und
Elſaß⸗Lothringen unglückliche Gefechte ſtattgefunden haben. Unſere Truppen haben
nach angeſtrengteſten Fußmärſchen, ſchlecht genährt und mangelhaft bekleidet, troz
aller Tapferkeit keinen nachhaltigen Widerſtand zu leiſten vermocht. Der Aufſtand
in Berlin wird immer allgemeiner, er beherrſcht ſchon das ganze rechte Spreeufer
und diesſeits die Stadtteile und Vororte jenſeits des Landwehrkanals. Aus der
Provinz kommt den Aufſtändiſchen immer mehr Zuzug. Die Truppen ſollen teil
weiſe zu denſelben übergegangen ſein. . |
Die Revolution tft alſo über den Kreis der Eiſenarbeiter und ihrer beſonderen
Forderungen ſogleich hmnausgewachſen. Sie gilt jetzt der Heſeitigung des ſozial demo⸗
kratiſchen Regiments. Auch ich muß mich verfluchen, daß ich jo viele Jahre hindurch
dazu beigetragen habe, Zuſtände, wie wir fie in dieſen Monaten erlebt, heraufzube⸗
schwören. Ich that es aber nur, weil ich davon eine glücklichere Zukunft für Kinder
und Kindeskinder erhoffte. Ich verſtand es nicht beſſer. Aber werden mir meine
Sobre es je vergeben können, daß ich mitgewirkt zu den Ergignifien, deren Folgen
8
5
vie Mutter und die Schweſter geraubt und unſer ganzes Familtenglück ver |
(hen
nichtet haben?
Um jeden preis muß ich meinen Ernft ſptechen, mich brängt es zu Ihm, ich wil
ihn warnen, ſich hinauszubegeben uuf die Straße, wozu ſolche junge Leute in der
Aufregung der Tage nur zu leicht verſucht find. An freier Zeit, um die Erziehungs⸗
anſtalt zu beſuchen, fehlt es mir ja jetzt auch nicht mehr am Tage. Als politiſch
Verdächtiger bin ich meines Poſtens als Kontroleur enthoben und zur nächtlichen
Strube nm in gang verſetzt worden. Ob dort meine Arbeit nicht eine Blutarbeit
werden wird i
35. Letztes Kapitel.
Herrn Buchdruckereifaktor Franz Schmidt,
| Nemyorl. .
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Mein teurer Bruder! Sei ſtark und faſſe Dich, denn ich habe Dir tram |"
riges zu melden. Unſer guter Vater iſt nicht mehr. Auch er iſt ein unſchuldiges
Opfer des großen Aufſtan des geworden, welcher ſeit Tagen Berlin durchtobte.
ö Vater wollte mich in der Erziehungsanſtalt beſuchen, um mich vor der Be⸗
teiligung an Straßenaufläufen zu warnen. In der Nähe unſerer Anſtalt hatte vor⸗
her, was Vater offenbar nicht wußte, ein Gefecht mit der Schutzmannſchaft ſtattge⸗
funden. Ein Teil derſelben war in unſere Anſtalt geflüchtet. Die Gegner lagen im
Hinterhall Wahrſcheinlich hat einer derſelben Vater für einen Sendboten der Re
gierung gehalten. Ein Schuß aus einem Bodenfenſter traf ihn, und er verſchied auf
der Straße nach wenigen Augenblicken. Es war furchtbar, als man den Toten in
unſeren Hausflur brachte und ich den eigenen Vater erkannte.
Er iſt ein Opfer ‚feiner väterlichen Fürſorge geworden. Um der Zukunft der
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Seinigen willen war er Sozialdemokrat geworden, aber von feinen Irrtümern voll⸗
Rändig zurückgekommen. N
Ueber den traurigen Zuſtand unſerer geliebten Mutter und über Großvater
bat Vater Dir noch ſelbſt geſchrieben. In meinem jähen Schmerz und in meiner
Berlaſſenheit biſt Du. geliebter Bruder, mein einziger Gedanke und meine Zuflucht.
Wenn ich dieſen Brief aufgebe, habe ich die deutſche Örenge Schon hinter mir. Nach
Holland zu ſoll dieſelbe ganz unbewacht fein. Dort kann ich von der Geldanweiſung,
welche Du mir überſandteſt, Gebrauch machen.
Hier geht alles drunter und drüber. An den Grenzen blutige Niederlagen,
im Innern Anarchie und vollſtändige Auflöſung. Wie alles ſo gekommen, darüber
bringe ich Dir die Aufzeichnungen vom Vater, welche er noch bis zum Tage ner
feinen Tode fortgeführt. |
In Trauer und Wehmut küßt Dich und Agnes |
Dein verlaſſener
Eruft.
251,000 lare
251,000 Exemplare
wurden von ber Broschüre „Jhfialdemokraliſthr Zukunftsbilder“ Innerhalb
per Jahren verkauft. Die Preſſe aller nichtſoztaliſtiſchen Parteien hat die Bros
chüre zur weiteſten Verbreitung im Intereſſe der Bekämpfung der Irrlehren der Sozial⸗
demolratie lebhaft empfohlen. Organe der konſervativen Partei (z. B. die „Kreuz⸗
zeitung“), der freikonſervativen (z. B. die „Schleſiſche Zeitung“), der national⸗
zi beralen (z. B. die „Nationalzeitung“ und die „Kölniſche Zeitung“), der Centrums⸗
partei (z. B. die „Kölniſche Volkszeitung“ und die „Schleſiſche Volkszeitung“) ſtimmen
mit der freiſinnigen Preſſe in der Empfehlung und günſtigen Beurteilung überein.
Außer politiſchen Vereinen haben auch gewerbliche Vereinigungen (3. B. die
Arbeitgeber im Herzogtum Anhalt), landwirtſchaftliche Vereine (z. B. im Herzog
zum Braunſchweig), Gewerkvereine der Arbeiter, größere Parteien die Broſchüre
zur Verbreitung bezogen.
j
Vierzig Zeitungen haben mit Zuſtimmung der „Fortſchritt⸗Aktiengeſellſchaft“
die „Sozialdemokratiſchen Zukunftsbilder“ als Feuilleton abgedruckt. Außerdem
‘ind mehreren Zeitungen, wie der „Breslauer Morgenzeitung“, dem „Bremer Courier“
1 die Geſamtauflage Exemplare der „Sozialdemokratiſchen Zukunftsbilder“ beigelegt
vorden. .
zändiſche, Däniſche, Polniſche, Czechiſche und Norwegiſche find erfolgt.
Größere Partien von hundert Exemplaren und mehr wurden u. a. in
ol genden Orten verbreitet: N | |
Altenburg 300, Aplerbeck 300, Apolda 100, Aſchersleben 110, Augsburg 100,
Barmen 550, Bartenſtein 300, Berlin 19,500, Bernburg 400, Biebrich 500, Biele⸗
feld 350, Börlisdorf bei Oberlösnitz 100, Brandenburg a. H. 600, Brauns
ſchweig 2000, Bremen 24,500, Bremerhaven 100, Breslau 1500, Brieg bei
Zreslau 500, Bromberg 100, Buttſtädt 100, Calbe a. d. S. 120, Charlottenbrunn i. 5
Schleſ. 100, Cöln a. Rh. 2150, Cottbus 100, Cronberg (Taunus) 100, Danzig 100,
Darmſtadt 430, Deſſau 1050, Dortmund 100, Dresden 3000, Drieſen 200, Düſſel⸗
dorf 700, Duisburg 100, Ebersbach i. Sachſ. 400, Elberfeld 160, Elbing 100, El-
sagien i. H. 100, Elmshorn 750, Erfurt 250, Eſchwege 500, Forſte i. Lauf. 100,
Frankfurt a. M. 1300, Frankfurt a. O. 1000, Frauſtadt 100, Friedrichsberg b.
Berlin 100, Gandersheim 200, Gardelegen 500, Gera 100, Geſtorf bei Benningſen
00, Gießen 150, Görlitz 500, Gotha 8500, Guben 3500, Hagen 4500, Halber⸗
it a dt 1000, Halle a. d. S. 550, Hamburg 2650, Hanau 300, Hannover 300, Harz⸗
burg 100, Heidenheim 100, Herford 200, Hildesheim 500, Hirſchberg 200, Holzminden
550, Homburg v. d. Höhe 100, Huſum 100, Ingolſtadt 100, Jauer 100, Itzeboe
750, Kaiſerslautern 100, Ka ſſel 1050, Kempten (Bayern) 100, Kiel 600, Königs.
i. Preuß. 100, Konſtanz 100, Kotzenburg i. M. 100, Kulmbach 300, Landsberg a. W.
500, Leipzig 22,000, Leipzig⸗Reudnitz 400, Lennep 500, Leobſchütz 100, Leopoldshall
200, Luckenwalde 100, Lübeck 3000, Lüdenſcheid 100, Lünen a. d. Lippe 120,
Lüttringhauſen 300, Magdeburg 2800, Mainz 125, Mannheim 500, Merſeburg
„00, Mühlhauſen 200, Mühlheim (Heſſen) 200, Mülheim a. Rh. 100, Mühlheim
a. d. Donau 100, Müllroſe 100, München 910, München⸗Gladbach 1150, Naum
burg a. d. S. 700, Neiße 1800, Neugersdorf i. S. 100, Neurode i. Schl. 500,
Reu⸗Rppin 700, Neuſtadt i. Oberſchl. 200, Nordhauſen 200, Nürnberg 5000,
Oberlangenbielau 100, Oels i. Schl. 100, Offenbach a. M. 650, Oldenburg (Groß⸗
herzogtum) 300, Oldesloe 100, Opladen 100, Oſchersleben 200, Osnabrück 200,
Veitz 100, Plauen i. V. 300, Poſen 550, Rathenow 100, Recklinghauſen 100, Remſcheid
500, Roßlau 100, Saarbrücken 200, Sangerhauſen 300, St. Johann a. d. S. 500, Schauen⸗
itein b. Obernkirchen 500, Schmalkalden 200, Mühle Schwetz 500, Sebnitz i. S. 100,
Seeſen 100, Solingen 200, Sonneberg S.⸗M. 300, Sorau 500, Spremberg 100, Stade
100, Stadtſulza 200, Stettin 3150, Straßburg i. E. 1200, Tangermünde 200,
Tilſit 300, Torgelow 100, Trier 200, Varel 100, Waldenburg i. Schleſ. 100, Wendthöhe
dei Stadthagen 200, Weißenfels i. Thür. 150, Weſſelburen 150, Wiesbaden 600,
Witten 500, Wolgaſt 100, Worms 100, Würzburg 200, Zerbſt 100, Zittau 100.
he
Ueberſetzungen in das Engliſche, Fran zöſiſche, Italien iſche, Hol⸗